Gaildorf Hart im Nehmen

Im Branchenmix des Einzelhandels der Stadt Gaildorf fehlt ein Bau- und Heimwerkermarkt, wie auch Bürgermeister Ulrich Bartenbach betont. Archivfoto: SWP
Im Branchenmix des Einzelhandels der Stadt Gaildorf fehlt ein Bau- und Heimwerkermarkt, wie auch Bürgermeister Ulrich Bartenbach betont. Archivfoto: SWP
Gaildorf / KLAUS MICHAEL OSSWALD 04.06.2012
Nichts, sagt der Volksmund, sei beständiger als der Wandel. Für die Wirtschaftsstruktur Gaildorfs gilt dies in besonderem Maß. Von vielen Tiefschlägen hat sich die Stadt immer wieder erholen können.

Das "Ruhrgebiet des Schwäbischen Waldes" - so war das Limpurger Land, das in den Jahrzehnten vor dem Zweiten Weltkrieg zu den industriellen Spätzündern gezählt werden musste - zu ARWA-Zeiten immer wieder charakterisiert worden. Tatsächlich meinte es das Wirtschaftswunder in den 1950er Jahren recht gut mit der Stadt Gaildorf und ihrem Umland. Wenn auch der Strumpfkonzern mit den vier Buchstaben bald seinen Hauptsitz von Unterrot ins Berchtesgadener Land verlagerte - es herrschte Vollbeschäftigung.

Das sollte sich schrittweise ändern: Die ARWA baute Personal ab, von einstmals 1700 auf 0 im Oktober 1973. Weitere Betriebe machten in den Folgejahren zu: Höchel, Süschala, Knoll, Höfliger & Karg . . . Gaildorf verlor im Zeitraum von etwa zwei Jahrzehnten mehr als 2000 Arbeitsplätze - vor allem auf dem industriellen Sektor.

Dass diese Verluste bis heute immer wieder einigermaßen kompensiert werden konnten, ist erstaunlich, aber erklärbar: Ein selbstbewusster Mittelstand in den Bereichen Handel und Handwerk zeigte Flagge und bildete gemeinsam mit den verbliebenen und heute weniger personalintensiv arbeitenden Industriebetrieben - die im übrigen auch auf internationalem Parkett eine gute Figur abgeben! - das Rückgrat eines gewissen und auch etwas überschaubaren Wohlstands in der kleinen Stadt.

Sicher ist der regionale Branchenmix in den vergangenen Jahrzehnten etwas dünner geworden, hat aber nach wie vor eine gute, angemessene Breite. Das stellte auch Landrat Gerhard Bauer im vergangenen Jahr am Rande der großen Limpurger Wirtschaftsmesse mit Blick auf die Fülle an Produkten und Dienstleistungen "made in Gaildorf" fest.

Tatsächlich bot dieses lokale Schaufenster - auch bestückt mit Bemerkenswertem aus den Nachbargemeinden - für manchen Besucher viel Überraschendes, was der damalige Bürgermeister Ralf Eggert mit einer selbstkritischen Anmerkung würdigte: "Der häufigste Fehler auch im kommunalen Bereich ist, dass wir unsere zahlreichen Leistungen und Vorteile nicht ausreichend herausstellen".

Verkauft sich der Wirtschaftsstandort Gaildorf also unter Wert? Ein "Nein" mit Einschränkungen sagt der aus dem Handels- und Gewerbeverein hervorgegangene Stadtmarketing-Verein. Vor allem die Vertreter des Einzelhandels wissen, dass ihnen in den vergangenen Jahren ein hohes Maß an Verantwortung aufgebürdet wurde: Ohne sie wäre nämlich, besagt ein 2007 von der CIMA-Stadtmarketing GmbH für Gaildorf erarbeitetes Gutachten, die Innenstadt mausetot. Auf der anderen Seite weiß die heimische Geschäftswelt aber auch: Die Konkurrenz in den umliegenden Mittelzentren schläft nicht!

Und auch das haben die Gutachter festgestellt: Gaildorf muss sich bewegen, um als "Einkaufsstadt" attraktiv zu bleiben. Denn: Weil viele Bürger dieses oder jenes im Angebot des Handels vermissen, kaufen sie woanders ein. Das heißt: Der attraktive Gewerbestandort Gaildorf würde dann - völlig unnötig - generell an Attraktivität verlieren.

So wie ein weiterer wichtiger Standortfaktor seit Jahren allmählich aus dem Stadtbild verschwindet: Der Verlust des Krankenhauses, das einstmals mehr als 140 Mitarbeiter zählte und zur Jahresmitte geschlossen werden soll, dürfte nicht nur in wirtschaftlicher Hinsicht nur schwer auszugleichen sein.