Es hätte auch geschneit haben dürfen, gestern Abend. Stattdessen herrscht Krötenwanderwetter, verzischen Regenschnüre in den Fackeln und Schwedenfeuern, die an der Pflanzschulhütte beim Oberroter Stiershof aufgestellt sind. Die Szene wäre bei Tageslicht an Tristesse nicht zu überbieten gewesen, nach Anbruch der Dunkelheit aber entwickelt sich unter zahlreichen Schirmen eine eigene Atmosphäre.

Kinder wuseln im Gelände

Über den größten Schirm  verfügt der Schirmherr: Daniel Bullinger, Bürgermeister von Oberrot, behütet, eine VfB-Mütze auf dem Kopf, mit einem Monster von mindestens anderthalb Metern Durchmesser die Sprecherinnen und Sprecher. Daneben hat sich die gemischte Gruppe der Jagdhornbläser  der Jägervereinigung Schwäbisch Hall aufgestellt. Wasserdicht verpackte Kinder wuseln durchs Gelände und unterm Vordach der Hütte stehen der Oberroter Pfarrer Andreas Balko mit der Gitarre und die beiden Akkordeonspieler Gabriele Staita und Roland Hägele.

Die Waldweihnacht beim Stiershof gibt’s bereits seit gut zehn Jahren. Initiator ist Pfarrer Karl Enderle von der katholischen Kirche Westerheim auf der Alb. Bis 2014 betreute er die Kirchengemeinde Christus König in Schwäbisch Hall und aus jener Zeit rührt auch seine Bekanntschaft mit Revierförster Martin Vogel, der die Organisation übernommen und über die Gemeinde Oberrot die Feuerwehr und den Bauhof aktiviert hat. Die Beiden sind auch fachlich auf einer Linie: Karl Enderle hat einst, bevor er sich der Theologie zuwandte, die gleiche Forstfachschule wie Martin Vogel besucht.

Die Schöpfung ist das Thema von Enderles Waldweihnacht, sie äußert sich in tierischen Dialogen im Vorfeld der Weihnacht. Üblicherweise sind Stationen vorbereitet; gestern wurde wegen des Wetters darauf verzichtet, sodass die zahlreich erschienenen Besucher sich bereits nach gut einer Stunde an Punsch und Glühwein wärmen konnten.

Hund und Esel, Star und Lerche, Hamster und Sperber, Igel und Fledermaus sind die Protagonisten der kurzen dialogischen Erzählungen aus Enderles Feder. Gelesen werden sie von Mitgliedern seiner ehemaligen Gemeinde, Familien aus der Heimbachsiedlung bei Schwäbisch Hall und aus Gottwollshausen. Die Dialoge handeln vom Leben dieser Tiere, von ihren Eigenarten und ihren Problemen, die oft von Menschen verursacht werden: schrumpfende Reviere, geringes Nahrungsangebot, verschwindende Rückzugsräume.

Die Vorgaben der Evangelisten

Und sie handeln vom Umgang der Menschen mit Natur und Mitgeschöpfen und von den Vorgaben der vier Evangelisten, die nicht nur den Menschen, sondern alle Kreaturen zu Gottes Geschöpfen erklärt haben. Dazu werden passende Weihnachtslieder angestimmt und am Ende kann ein Kind begrüßt werden: Lio, der Sohn von Manuela und Torben Jung vom benachbarten Stiershof, kam vor neun Wochen zur Welt.

Der Regen lässt nicht nach, während gesprochen und gesungen wird. Er wird aber auch nicht als Ärgernis empfunden, sondern als Gabe: „Den Regen brauchen wir hier ganz dringend“, hat Martin Vogel in seiner Begrüßung betont. Das witterungstechnische Optimum wünscht er sich in einem kurzen Schlusswort für die nächste Waldweihnacht am vierten Advent 2019: Schnee und zwei Grad Minus.

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