Einer aus der Musikwinter-Anfangszeit war am Samstagabend wieder zu Gast in Gschwend: Jazzmusiker David Murray mit Quartett. Und er sorgte mit seinem Konzert für eine ausverkaufte Gemeindehalle.

Musikalisch bot er Bekanntes: seine ganz eigene Art von stilistischer Fusion. So weitete er ganz klassisch anmutende Jazzstücke mit seiner Art des Improvisierens wie auch des Spielens – besonders auf dem Tenorsaxofon. Da wurde ekstatisch überblasen und die Töne in höchster Lage miteinander verschliffen.

Mit diesen auch im Free Jazz oft zu hörenden Techniken holte Murray auch Standards wie Billy Strayhorns „Chelsea Bridge“ in die heutige Zeit der medialen Überreizung. Da die Spieltechniken selbst aber schon ihre Geschichte haben, entstand gleichzeitig bei allem Gefühlsüberschwang so etwas wie eine Zeitlosigkeit.

Gemeinsame Improvisation

Zu Strayhorns Ballade ließ David Murray in seinem zu Beginn noch sanft getönten Chorus plötzlich schnelle Skalen um das Melodiegerüst herabfließen. Als enormer Kontrast folgte das träumerische Tastenspiel von David Bryant, das zwischendurch mit erzählerischen Momenten von Jaribu Shahids federndem Bass-Beat geschmückt war. Murray beschloss die Ballade mit fast nicht mehr enden wollenden Tongirlanden.

Ganz anders wirkte Murrays „Citizens“, dem „Spooning“ und „OBE“ von Butch Morris vorausgegangen waren, im ersten Set des langen Abends. Da wurde gemeinsam improvisiert: Murray spielte auf der Bassklarinette mit gestoßenen Tönen, die Töne wurden nach ihrem Gehalt abgetastet. Von Ton zu Ton folgte fast ein anderes Instrument, sodass ein Kollektivklang entstand, der durch seinen Experimentiercharakter ein wenig vom Groove wegführte.

Dorthin zurück ging es mit „Cycles and Seasons“, geschmückt mit leichten Funkeinsprengseln. Dabei zeigte sich, dass die Chorus-Ausbrüche auf dem Tenorsaxofon das Gerüst nicht zu sprengen imstande waren. Spannungsvoll gesanglich und dann wieder groovy bestach hier Jaribu Shahid mit seinem Chorus und leitete geschickt zu Hamid Drakes Drum-Chorus über.

Leicht funky im Beat ging es mit Murrays „Morning Song“ weiter. Saxofonkreischen und -stakkatos stellte Bryant ein mehr hymnisches Klavieratmen gegenüber. Sehnsüchtige Töne entlockte Bryant dem Flügel mit seinem Fingerspiel zu „A Mirror of Youth“. Schönes Blue-Note-Feeling folgte mit „Ming“, bisweilen leicht schwärmerisch und natürlich überhöht durch Murrays Spiel.

David Murray griff bei „Let The Music Take You“ zum Mikrofon: Der Musiker sang und rappte, versuchte damit das Publikum zum Mitsingen zu bringen. Anschließend lotete er den Tonraum seines Instruments aus: sei es in großen, direkt aufeinanderfolgenden Intervallen, sei es mit quietschendem Saxofonüberblasen. Am Ende ließ er „Hope/Scope“ folgen, das wie ein sprudelndes Free-Jazz-Stück mit treibendem Beat wirkte und wohl als Kehraus gedacht war.

Da hatte David Murray die Rechnung ohne das Publikum gemacht, das mit lang anhaltendem Beifall noch eine Zugabe einforderte: Thelonious Monks „Let‘s Cool One“ bot Murray wieder auf der Bassklarinette, wobei er die im Klavier zu hörende Melodie wunderbar umrahmte.