Am kommenden Sonntag feiern wir das Pfingstfest. Viele Menschen können aber mit diesem Fest gar nichts mehr anfangen. Lassen Sie mich deshalb versuchen, Pfingsten einmal ein wenig anders zu erklären:

Pfingsten ist nicht nur einmal gewesen. Es gibt durch die ganze Bibel hindurch Pfingstgeschichten. Durch die ganze Menschheitsgeschichte hindurch beobachten wir, wie Menschen plötzlich erkennen, woher und wohin, warum und wozu sie leben.

Wir beobachten, wie sich Menschen verstehen, ohne die Sprache des andern zu kennen, wie sie der Erde Gutes tun, wie sie das Rechte tun, das, was jetzt notwendig ist, ohne viel studiert und nachgedacht zu haben.

Unsere Erde ist vom Geist Gottes durchwoben. Sie ist nicht ein am Rande der Milchstraße vergessenes und zufällig herumirrendes Abfallprodukt kosmischer Katastrophen, sondern unsere Erde ist für uns Dach und Weg, ist Musik und Liebe, ist Möglichkeit und Weite.

Die alten Geschichte der Bibel reden in Bildern. Sie sagen, dass am Anfang der Geist Gottes über dem Wasser schwebte. Sie erzählen, dass Gott die Erde angehaucht habe und dass so Leben geworden sei. Sie sagen, der Himmel stünde offen und es führten Leitern hinauf und herunter.

All das sind Bilder, die deutlich machen: Oben und Unten sind nicht zwei getrennte Welten, Gott und Mensch, Himmel und Erde. Der Geist Gottes, so sagen es die alten Geschichten, weht, wo er will. Er durchweht alles und schafft immer wieder neu Leben. So geschieht Pfingsten immer wieder. Die eigentliche Pfingstgeschichte steht in der Apostelgeschichte im 2. Kapitel:

"Und als der Pfingsttag gekommen war, waren sie alle an einem Ort beieinander. Und es geschah plötzlich ein Brausen vom Himmel wie von einem gewaltigen Wind und erfüllte das ganze Haus, in dem sie saßen. Und es erschienen ihnen Zungen zerteilt, wie von Feuer; und er setzte sich auf einen jeden von ihnen, und sie wurden alle erfüllt von dem heiligen Geist und fingen an, zu predigen in andern Sprachen, wie der Geist ihnen gab auszusprechen. Es wohnten aber in Jerusalem Juden, die waren gottesfürchtige Männer aus allen Völkern unter dem Himmel. Als nun dieses Brausen geschah, kam die Menge zusammen und wurde bestürzt; denn ein jeder hörte sie in seiner eigenen Sprache reden. Sie entsetzten sich aber, verwunderten sich und sprachen: Siehe, sind nicht diese alle, die da reden, aus Galiläa? Wie hören wir denn jeder seine eigene Muttersprache? Sie entsetzten sich aber alle und wurden ratlos und sprachen einer zu dem andern: Was will das werden? Andere aber hatten ihren Spott und sprachen: Sie sind voll von süßem Wein.

Da trat Petrus auf mit den Elf, erhob seine Stimme und redete zu ihnen: Ihr Juden, liebe Männer, und alle, die ihr in Jerusalem wohnt, das sei euch kundgetan! Denn diese sind nicht betrunken, wie ihr meint; sondern das ists, was durch den Propheten Joel gesagt worden ist: "Und es soll geschehen in den letzten Tagen, spricht Gott, da will ich ausgießen von meinem Geist auf alles Fleisch."

Wenn wir diese Geschichte lesen, spüren wir: Pfingsten ist kein pflegeleichtes Fest. Es ist auch jenes Fest unserer großen Kirchenfeste, an dem die wenigsten zu den Gottesdiensten kommen. Es gibt kein Osternest, kein Kind in der Krippe, keinen Gekreuzigten. Ich kann nicht sagen: Genau hier ist der Geist Gottes oder dort.

Aber ich kann zeigen, wo der Geist Gottes gewirkt hat. Nämlich dort, wo Frieden wird nach Zeiten des Krieges. Dort, wo geredet wird nach Zeiten des Schweigens. Dort, wo Barmherzigkeit regiert anstelle des Kalküls. Dort, wo Christus gepredigt wird, wo man ohne Angst ins Gesicht des Nächsten schauen kann und die Furcht, etwas zu verpassen, der Heiterkeit des Glaubens gewichen ist.

Dort hat der Geist Gottes gewirkt und er wirkt immer weiter unter uns. Denn Pfingsten ist kein einmaliges Ereignis.

Ich wünsche uns allen ein frohes Pfingstfest.

Ursula Braxmaier

Pfarrerin in Fichtenberg