Geschichte Gefoltert, erstochen, totgeschlagen

Gaildorf/Sulzbach-Laufen / Klaus Michael Oßwald 04.08.2018
Rundschau-Serie (3) – Vor 400 Jahren begann der Dreißigjährige Krieg: Die wenigen Aufzeichnungen über das Gemetzel im Limpurger Land zeugen von einer kaum vorstellbaren Grausamkeit der Söldner-Horden.

Fast menschenleer waren die Siedlungen im Limpurger Land an jenem 9. August 1634, als versprengte Söldner-Horden der kaiserlichen Truppen von Nördlingen kommend mordeten und plünderten. Gaildorf wurde weitgehend in Schutt und Asche gelegt (wir haben berichtet). Schilderungen von Augenzeugen gibt es nicht. Einzig die später zusammengefassten mündlichen Überlieferungen – etwa die aus den Jahren 1789/1790 stammenden Veröffentlichungen des Gschwender Pfarrers und Historikers Heinrich Prescher – zeugen von barbarischer Grausamkeit.

Dafür ist die mündlich überlieferte Chronik des von 1633 bis 1669 in Sulzbach wirkenden Pfarrers Christof Seufferlin, der auch Hofprediger in Schmiedelfeld war, umso aufschlussreicher. Er hatte noch längere Zeit in dem verlassenen Dorf ausgeharrt – bis es ihm doch zu brenzlig wurde. Er floh nach Schorndorf „zu meinem gnädigen Herrn“ – Schenk Christian Ludwig, dem dort Unterschlupf gewährt worden war – und später zu seiner Familie nach Weinsberg und Heilbronn.

Grausam gewütet

„Einige vom Landvolk“, heißt es in Seufferlins Bericht, „machten in größtem Dickicht der Wälder und abgelegenen Klingen Verhacke und hielten sich mit ihrem Vieh daselbst verborgen.“ Mit verheerenden Folgen für die in den Siedlungen verbliebenen Menschen: „Mit um so größerer Wuth fiel das Kriegsvolk über alles her, was noch anzutreffen war.“ Schloss Schmiedelfeld, hoch über Sulzbach gelegen, wurde geplündert. Dabei machten die Söldner, überwiegend Kroaten, auch vor der Gruft in der Schlosskirche nicht Halt. Im Chor des 1594/95 erbauten Gotteshauses waren bis zum Überfall im Sommer 1634 vier Angehörige der Schenkenfamilie beigesetzt worden. Einzig die Gräber von Schenk Karl II. und dessen Ehefrau Maria, geborene Gräfin von Castell, blieben weitgehend unversehrt. Sie wurden bei der Sanierung der Kirche im Jahr 1995 entdeckt.

Der Zorn der Söldner traf nun diejenigen, die ihnen nicht rechtzeitig entkommen konnten: Sie „mußten sich meistentheils zu tod martern lassen, wie die vermuthlich Schätze anzeigen sollten, die sie nicht verrathen konnten“, schreibt Seufferlin. Und er nennt Namen der Opfer: Der 79-jährige Sekretär Sebastian Schweicker wurde „mit einem Schweinspieß wie ein Eber erstochen“. Hans Ocker, Bürgermeister von Sulzbach, konnte erst spät fliehen. Doch der damals 60 Jahre alte Mann wurde von seinen Verfolgern „ereilt und vom Pferd herabgeschossen.“ Eine namentlich nicht genannte Schuhmacherswitwe haben die Schlächter „furchtbar geschlagen, hernach vollends erstochen.“ Ähnlich erging es dem Müller von Laufen, nachdem er „erhascht“ worden war: Seine Verfolger haben ihn laut Seufferlin „jämmerlich geprügelt und gerüttelt“ – ihm die Kehle durchgeschnitten und ihn „vollends totgeschlagen.“

Seufferlins Aufzeichnungen gelten als verschollen, wie Sulzbach-Laufens inzwischen verstorbener Ehrenbürger Alfred Klumpp  im 1997 veröffentlichten Heimatbuch „Einst und jetzt“ schreibt. In den Kirchenbüchern fehlen auch sämtliche Protokolle aus dem Jahr 1633 und fast alle Notizen über 1634. Erst mit der Rückkehr Pfarrer Seufferlins gibt es wieder Einträge, der erste stammt vom 24. November 1634.

Hab und Gut verloren

Dem Gschwender Pfarrer und Historiker Heinrich Prescher ist es zu verdanken, dass die Geschichten über das Wüten der Soldaten erhalten sind. Er zitiert den Sulzbacher Amtsbruder, der die Morde teilweise bis in grausamste Details festgehalten hat. Etwa das qualvolle Sterben eines Mannes, den seine Peiniger in einen Backofen steckten.

Über die Anzahl der Toten gibt es keine Informationen. Fest steht nur, dass Sulzbach etwa drei Viertel seiner Einwohner verloren hat, Laufen rund die Hälfte. Wobei es sich bei den Verlusten nicht ausschließlich um Todesfälle handelt. Viele Familien, die durch Plünderung und Zerstörung Hab und Gut verloren hatten, verließen das Kochertal.

Info Nach dem Abzug der marodierenden Söldner ging das Sterben weiter: Die Pest wütete. Davon ist im nächsten Teil unserer kleinen Serie die Rede.

Ein abenteuerlustiger Schenk wechselt mitten im Krieg die Fronten

Johann Wilhelm Schenk von Limpurg (1607-1655), zwölftes von dreizehn Kindern des Gaildorfer Schenken Albrecht VII., suchte nach dem Studium sein Auskommen beim Militär – wohl aus Opposition zum protestantischen Vater auf katholischer Seite: Gerade mal 20 Jahre alt, trat er in kaiserliche Dienste und fand als Page eine Anstellung bei Albrecht Wenzel Eusebius von Waldstein, genannt Wallenstein. Der war seit 1625 Oberbefehlshaber der kaiserlichen Armee im Dreißigjährigen Krieg.

Bei Wallenstein machte Johann Wilhelm Karriere: Er wurde rasch zum Kommandeur der 300-köpfigen Leibgarde des Feldherrn, der ihn gelegentlich als seinen „Trabantenhauptmann“ bezeichnet haben soll. Weshalb der Gaildorfer bald der Katholischen Liga den Rücken kehrte, ist nicht bekannt. Fest steht – was der junge Schenk damals noch nicht ahnen konnte –, dass die Truppen, denen er einmal angehörte, später, 1634, seine Limpurger Heimat plündern sollten.

Zurück in Gaildorf, hielt es Johann Wilhelm nicht lange aus. Er wollte erneut ins Kriegsgeschehen eingreifen und verdingte sich nun auf protestantischer Seite. Während eines Gefechts in der Nähe von Villingen geriet er 1633 in Gefangenschaft. Die Familie konnte ihn ein knappes Jahr später freikaufen – kurze Zeit nachdem Söldnerhorden der kaiserlichen Truppen das Limpurger Land in Schutt und Asche gelegt hatten.

Der Heißsporn, kaum in Freiheit, konnte es nicht lassen. Er trug nun – noch bevor der Krieg das Limpurger Land erfasste – Herzog Bernhard von Sachsen-Weimar seine Dienste an. Daraufhin wurde der Limpurger zum „Reichsfeind“ erklärt.

Den Rat der Familie befolgend, lenkte Johann Wilhelm ein, unterwarf sich dem Kaiser, begab sich in dessen Obhut und wurde 1636 schließlich begnadigt. Er kehrte jedoch erst 1647 nach Gaildorf zurück. 1650 trat er das Erbe seines kinderlos verstorbenen Bruders Christian Ludwig an und wurde Herr zu Schloss Schmiedelfeld. kmo

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