Gaildorf / Klaus Michael Oßwald  Uhr
Etwa 100 Bürger kommen zum entspannten Wahlkampf-Endspurt in die Limpurghalle. Vertreter der vier im Gaildorfer Gemeinderat vertretenen Listen stehen Rede und Antwort.

Seit 19 Jahren fühlen sich Matthias Rebel und seine Familie als „Teil dieser wunderbaren Bürgergemeinschaft“ wohl. Der CDU-Fraktionsvorsitzende im Gemeinderat stellt sich am Montagabend im Kernersaal der Limpurghalle in wenigen Worten vor und empfiehlt den Gaildorfern „16 ganz tolle Kandiaten“, die sich um ein Mandat im Stadtparlament bemühen. Heinrich Reh von der Freien Wählervereinigung, als dienstältester Fraktionschef seit 30 Jahren an vorderster Front aktiv, äußert zu Beginn des Rundschau-Wahlforums den Wunsch, sich weiterhin für Gaildorf einbringen zu dürfen, weil ihm die Arbeit Spaß mache. Auch SPD-Stadtrat Martin Frey in Vertretung seiner verhinderten Fraktionsvorsitzenden Margarete John lässt durchblicken, dass es sich lohnt, sich für seine Heimatstadt einzusetzen.

Viele Kandidaten sind da

Während diese drei Räte die von Rundschau-Redaktionsleiter Jochen Höneß gesteckten drei Minuten Redezeit gemeinsam locker unterbieten, benötigt Bernhard Geißler, Vorsitzender der kleinsten Ratsfraktion, gefühlt das Doppelte an Zeit, um aus seinen biographischen Notizen zu lesen. Er berichtet über seinen Wechsel von der SPD zur Offenen Liste, lässt Differenzen durchblicken. Und er bekennt, dass er einstmals Gaildorf als „am Arsch der Welt liegend“ empfunden habe, wobei sich die Sichtweise inzwischen geändert habe. Ein Raunen geht durch den Saal.

In Wolpertshausen kandidieren 28 Bürger um zwölf Sitze im Gemeinderat. Kritik an der Heimatliste, deren Vertreter teilweise bei der Vorstellung verhindert sind.

Etwa 100 Gaildorfer sind gekommen, darunter viele der 63 Kandidatinnen und Kandidaten, die sich am kommenden Sonntag zur Wahl stellen. Nach der kurzen fraktionsweisen Präsentation geht es – ohne ermüdende Sonntagsreden – auf dem Podium zur Sache. Jochen Höneß eröffnet den Streifzug durch die Kommunalpolitik mit der durch die jüngsten Einwohnerzuwächse entstandenen Wohnungssituation. Es geht um Baulücken, die der Gesetzgeber vor der Ausweisung neuer Baugebiete gefüllt sehen will.

„Sehr gut aufgestellt“

Stichwort: „Innenstadtverdichtung“. Potenziale gibt es, wissen die Diskutanten, aber vieles liege in privater Hand, geben Rebel, Frey und Reh zu bedenken. Geißler indes verweist aufs Grundgesetz: „Eigentum verpflichtet“. Rebel sieht in der Neugestaltung des Viertels rund ums „Bräuhaus“ – wo auch ein Hotel entstehen soll – als Chance, eine attraktive Wohnbebauung zu erreichen.

Einig sind sich alle in der Bewertung der Infrastruktur für junge Familien. Bernhard Geißler nennt die „sehr tief ausgebaute Tagesbetreuung“ in den Kindergärten; Matthias Rebel sieht Gaildorf im Vergleich zu Ballungsräumen „sehr gut aufgestellt“. Er äußert sich begeistert über ein hervorragendes Vereinsangebot, ein gutes Schulzentrum – und all das „eingebettet in eine tolle Landschaft“. Dazu zählt für Heinrich Reh auch der Erhalt des Freibads. Obwohl wie allerorten ein Zuschussbetrieb, sei eine solche Freizeiteinrichtung auch „ein gutes Argument für Familien“.

Und was würde Martin Frey mit einer unverhofft durch die Kommune zu verteilenden Million Euro anstellen? Wie aus der Pistole geschossen erhält Rundschau-Lokalchef Höneß die Antwort: den Wohnungsbau und soziale Einrichtungen fördern, vor allem für die Jugend. Das Stichwort ist vorgegeben. Höneß will wissen, warum es im Städtle „keinen gescheiten Treffpunkt“ gebe. Vielleicht, wie Heinrich Reh feststellt, weil d i e Jugend „keine homogene Größe“ darstelle. Die einen wollten auf dem Marktplatz gesehen werden, andere nicht. Mit dem Jugendhaus-Projekt in der Kaiga-Immobilie werde eine gemeinsame Anlaufstelle geschaffen, derzeit „verläuft es sich in der Stadt“.

Kompetent, sympathisch und schlagfertig präsentieren sich die Bewerber um das Bürgermeisteramt. Ein klarer Favorit kristallisiert sich nicht heraus. Der Ausgang der Wahl scheint völlig offen.

Kritik junger Leute am Einsatz der City-Streife sieht Reh aus erheblichen Missverständnissen begründet. Das Ganze müsse moderiert werden. Frey fordert eine bessere Kommunikation. Viele Jugendliche wüssten gar nicht, dass sie ihre Wünsche an die Stadt herantragen könnten. Auch Rebel weiß aus Gesprächen mit jungen Leuten, dass diese bereit wären, etwa für einen „Chill-Platz“ Verantwortung zu übernehmen. Entsprechende Anreize müssten gegeben werden, fordert Geißler. Er erachte es als bedrückend, die Jugendarbeit „nur vom Müll her“ (den junge Leute hinterlassen) zu denken. Ordnungsprinzipien in den Vordergrund zu stellen, „finde ich absolut verrückt“.

Pragmatisch geht es zur Sache

Es entwickelt sich eine muntere, disziplinierte Diskussion. Kein Parteien- oder Listendenken, keine Worthülsen. Das Quartett auf dem Podium unterscheidet sich, wie ein Zuhörer bemerkt, wohltuend von den Protagonisten mancher „Elefantenrunde“ nach einer Bundes- oder Landtagswahl. Es geht zur Sache – pragmatisch.

Etwa mit Blick auf den leerstehenden Westbahnhof. Den habe die Stadt gekauft, „weil wir dort keine Spielhalle wollten“, sagt Reh und bedauert, dass die Deutsche Bahn ihr Drumherum „so verkommen lässt“. Eine Chance böte aus Sicht Rebels – der auf die positiven Veränderungen in Gmünd abhebt – eine kleine Gartenschau.

Um eine solche will sich die Stadt erneut bewerben. Das sei, von der Masterplan-Arbeitsgruppe einst als Ziel herausgearbeitet, „eine wunderbare Sache“ und mit Blick auf die vielen Grünflächen in der Kocheraue auch „eine Herausforderung im Zusammenhang mit der Umgehung“. Also der Entlastung der Innenstadt. Ob es damit bis 2027 klappt? Martin Frey ist „guter Dinge“, Heinrich Reh „aus Erfahrung skeptisch“. Wie es weitergeht? Die Bürger, sagt Matthias Rebel, müssten mit ins Boot genommen werden. Alle vier Räte bekräftigen ihre Haltung, die sich auf einen Nenner bringen lässt: Mehr Lebensqualität im Städtle. Wobei für Bernhard Geißler wie für Martin Frey einem gut ausgebauten Radwegenetz eine Schlüsselposition zukommt.

Mit Szenenapplaus

Öffentlicher Nahverkehr oder Digitalisierung, Stadtentwicklung oder das in der Vergangenheit mehrmals in Schieflage geratene Verhältnis zum Landratsamt – Stichwort Verkehrsführung in der Kanzleistraße – oder die weitere Sanierung des Alten Schlosses: Die Fraktionsvertreter sind um (teilweise bekannte) Statements nicht verlegen. Und die Zuhörer, die mit Szenenapplaus nicht geizen, um bohrende Fragen. Kritische Anmerkungen beziehen sich etwa auf die beabsichtigte Bebauung des Bereichs südlich der Friedhofstraße, die Debatten um eine Nutzung des Alten Schlosses, den geplanten Neubau der Kirchwegbrücke oder den Verkauf des Alten Rathauses. Themen, die der alte Gemeinderat angestoßen hat und das neue Gremium noch beschäftigen werden.

Informativ und unterhaltsam

Was am Ende des laut Jochen Höneß „informativen, unterhaltsamen Abends“ die Laune hebt, ist das Bekenntnis einer Bürgerin, die sich „immer wohler“ fühle in der Stadt: „Vieles hat sich positiv verändert!“

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