Er habe den Mond und die Bäume betrachtet, als sich ihm jemand von hinten näherte, auf ihn einstach und seine Lunge so verletzte, dass er die Luft entweichen spürte. So erinnert sich das Opfer an den Beginn der Tortur, die es am Abend des 19. Januar auf dem Kieselberg bei Gaildorf erleiden musste. Der 21-Jährige, der mit Glück überlebte, erlitt acht Stiche in den Oberkörper und schwere Verletzungen, seine Mundwinkel wurden aufgeschlitzt.

Anklage wegen versuchten Mordes kann erweitert werden

Die mutmaßlichen Täter sitzen in Untersuchungshaft. Es handelt sich um fünf Männer im Alter von 21 bis 32 Jahren. Zwei lebten seinerzeit in Schwäbisch Hall, zwei stammen aus Fichtenberg, einer aus Gschwend. Verhandelt wird vor der 1. Großen Jugendstrafkammer am Landgericht Heilbronn, die Anklage lautet auf versuchten Mord. Voraussichtlich werde zusätzliche Anklage wegen gemeinschaftlich begangener schwerer Körperverletzung erhoben, erklärte der Vorsitzende Richter Roland Kleinschroth am Montag. Es ist der sechste Verhandlungstag und das Gericht hat die Narben des Opfers gesehen und erfahren, dass es derzeit mit einem künstlichen Darmausgang leben muss.

Das Opfer, das auch als Nebenkläger antritt, nun aber als Zeuge auftritt, wird von dem Haller Rechtsanwalt Nik Sakellariou vertreten. Die Zeit im Krankenhaus habe er als „Folter“ in Erinnerung, er sei überzeugt gewesen, dass ihn die Ärzte umbringen wollen, berichtet der 21-Jährige, der sich aktuell noch in Reha befindet. Die Ursache könne er benennen: Er sei psychotisch und habe nach der Tat einen Rückfall erlitten. Vor Gericht ist von dieser Psychose freilich kaum etwas zu bemerken: Er erhalte Medikamente, die ihm guttun, sagt der 21-Jährige. Auch sein Tourette-Syndrom, das sich in nervösen „Tics“ äußert, habe man medikamentös bändigen können.

Heilbronn/Gaildorf

Sakellariou hat ihn zudem gut vorbereitet: Der 21-Jährige wirkt zugänglich und äußert sich überaus sachlich; seine Emotionen werden zwar sichtbar, was er aber gegenüber den Angeklagten empfindet, behält er für sich. Einmal, als er auf einen Widerspruch aufmerksam gemacht wird, spricht er einen von ihnen mit Vornamen an, als wäre es ein Alltagsgespräch: „Stimmt das?“

Im Kern passen die bisherigen Aussagen der Angeklagten und die ihres Opfers zueinander. Seine Psychose, sagt der 21-Jährige, habe ihm aufgetragen, seine Kumpels mit ihren Drogengeschäften auffliegen zu lassen. Er sei bei der Polizei gewesen, was den anderen offenbar nicht verborgen blieb. Sie beschlossen, ihn zu bestrafen. Von ihren Beratungen am Tag vor der Tat hat das Opfer nichts mitgekriegt.

Für das Opfer kam der Messerangriff „wie aus dem Nichts“

Ein „konfrontatives Gespräch“ habe es gegeben, sagt der 21-Jährige, er habe erklärt, dass er der Polizei einen Vergewaltiger gemeldet habe und danach sei der Vorwurf des Verrats aus der Welt gewesen. Als die anderen dann zur Jagd auf den Vergewaltiger blasen wollten, habe er den Rückzug angetreten und sich geweigert, die Adresse zu nennen. Dann ging’s zum Kieselberg.

Was den Ablauf der Tat anbelangt, unterscheiden sich die Aussagen der Angeklagten und des Opfers allerdings gravierend. Den bisherigen Vernehmungen zufolge ist ein 22-Jähriger im Vollrausch ausgerastet. Ein 32-Jähriger ging dazwischen und die anderen drei kriegten bis zur überstürzten Flucht kaum etwas mit.

Das Opfer indes berichtet, dass der 32-Jährige allen außer ihm etwas ins Ohr geflüstert habe und ihn dann auch festgehalten habe, als der 22-Jährige „wie aus dem Nichts“ auf ihn einstach. Die anderen hätten alles mitgekriegt, und geflohen seien sie, als er „Oh, mein Herz!“ gesagt habe, weil plötzlich so viel Blut floss. Einer habe noch die mitgebrachten Flaschen eingesammelt und in den Kofferraum geworfen, ehe die fünf davonfuhren und ihn bei fünf Grad minus liegen ließen. Dass der 32-Jährige sagt, dass er ihm helfen wollte, nimmt der 21-Jährige ungläubig zur Kenntnis: „Er hat mich angegrinst!“

Die Angeklagten zeigen Reue

Dieses Grinsen hat sich ihm offenbar eingebrannt. Er habe es auch vor Augen gehabt, als er einen Entschuldigungsbrief des 32-Jährigen erhielt, sagt das Opfer – und deshalb auch nicht geantwortet. Der 32-Jährige indes wiederholt seine Entschuldigung am Ende dieses Verhandlungstages und seine Mitangeklagten stimmen ein: Die Tat sei nicht beabsichtigt gewesen und auch nicht zu erklären. Der Prozess wird am Mittwoch fortgesetzt.

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