Jakob und Wilhelm Grimm hätten sich nachdenklich am Kopf gekratzt, wären sie am Dienstag im Atrium des Gaildorfer Schenk-von-Limpurg-­Gymnasiums gewesen: Nicht immer war in dem Theaterstück „Es war einmal Mord“ klar, welche Figur aus ihren Märchen ganz oder nur wenig böse war. Nicht alle, die Böses taten, sind hier schlechte Charaktere. Und die Guten gar nicht alle so lieb.

Die 20 Darsteller der Mittelstufen-Theater-AG schimpfen, lästern, hänseln und  morden sogar. Aber das Gute siegt, denn „Vergebung“ ist das Zauberwort. Anfangs bleibt unklar, warum Rosenrot in den Kerker musste.

Den Prinzen ausgespannt

In künstlerischer Freiheit hatte das Autorenkollektiv einen Zickenkrieg zwischen ihr und ihrer Schwester erdichtet. Beide zerstritten, da jene ihrer Schwester den Prinzen ausgespannt hatte. „Der einzige Grund, warum ich ihn verführt habe, war, dass ich neidisch war … ich wollte dir einmal was wegnehmen. Das war falsch“, sagt sie später reuevoll. Hanna Kleemeyer spielte beeindruckend eine Rosenrot in Kummer und Leid. Streng, herrisch und machtvoll auftretend, war Schneeweißchen, engagiert gespielt von Sara Scheufele.

Anders als im Märchen kamen auf der Bühne drei Tunichtgute zu Tode: Aschenputtels Stiefmutter Griselda, die Hexe Arcania aus Hänsel und Gretel sowie die 13. Fee aus Dornröschen. Der letzte Mord, beinahe ein Meuchelmord mit tragischem Opfer: Der Wolf stirbt, weil er mit dem Degen vom Täter erstochen wird – vor aller Augen. Dabei hat das „Vieh“ nur Gutes im Sinn gehabt und will Rosenrots Leben retten.

Theater Theater-AG führt „Es war einmal ein Mord“ auf

Die kleinen Detektive, Happy und Brummbär, pfiffig gespielt von Janine Höfler und Sophia Schneider, treten wie Holmes und Dr. Watson auf: „Wir sind erfahrene, geschulte Ermittler“. Immerhin haben Schneewittchen und ihr König beide beauftragt, die Mordfälle zu lösen.

Für jeden, dessen Märchenwissen längst abhanden gekommen ist, führten Hinz und Kunz, temperamentvoll dargestellt von Pauline Weller und Luis Raddatz, als Moderatoren durch den kurzweiligen Abend. So lief der Hexe Arcania (Leticia Heil) das Wasser im Mund zusammen, als sie Hänsel erblickte und rief: „Hmmm der Junge sieht kräftig aus. Ihn werde ich zuerst fressen.“ Als Inhaftierte ist sie eher lethargisch, eine Hexe mit wenig Macht. Und gar nicht mehr so böse. Aber Gretel und Hänsel (Dilana Staudinger und Salome Kraft) sind auch keine lieben Kinder, eher freche Gören, die im Gefängnis vorbeischauen. Dort bringt Rapunzel (Emmi Straube) regelmäßig eine Kiste Alkohol vorbei.

„Ich muss jagen“

Das eigentlich fiese Rumpelstilzchen ist im Stück weder klein noch giftig oder böswillig. Sympathisch gespielt von Marlo Moore, war es eher „Onkel Rumpel“, der ein offenes Ohr für alle Mitinsassen hatte. Und stets eine Flasche Alkohol bei sich trug.

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Grimmig war auch nicht der Wolf. Batu Keskin mit Lederjacke und großem Fellkragen fletschte keine Zähne, sondern war schlicht unglücklich und ängstlich: „Ich muss jagen, muss frei sein. Das hier drin ist kein Leben …“

Zur illustren Knast-Gesellschaft gehört auch Aschenputtels Stiefmutter. Als solche trat Ida Mundt wie ein General auf. Strenger Blick, immer Putzlappen schwingend und mit anderen schimpfend. Sie ist das erste Mordopfer. Und Aschenputtel, gut dargestellt von Emanuelle Patocka, sogleich verdächtig. Schneewittchens Stiefmutter ist permanent mit sich beschäftigt: „Ich brauche Ruhe bei meinem Schönheitsschlaf. Wenn ich mich ärgere, gibt das Fältchen“, sagte sie, stets ihr Gesicht im Spiegel prüfend. Victoria Achilles verkörperte großartig die eitle Majestät, die für die Morde nur ein Naserümpfen übrig hatte.

Ein bisschen Psychologie der Bösen kam in dem Stück auch vor: So gestand die böse Fee (Leni Mitrenga), die Dornröschen in den Schlaf zauberte: „Wenn sie mich eingeladen hätten, wäre alles gut gewesen …“ Hauptverdächtige im gesamten Stück ist Rosenrot. Aber gerade sie verfolgt die richtige Theorie bei der Suche nach dem Täter.

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