Schon bevor er wusste, dass er zum 19. Gaildorfer Stadtmaler gekürt werden würde, hatte der Steinbildhauer Tobias Freude das Trio „ScheinEilig“ aus dem Augsburgischen und Hans den Pizzabäcker mit Tochter Margarete aus Nördlingen für eine Feier gebucht, die allerdings in seinem Wohnort Friedberg sein sollte. Kurzentschlossen lotste er sie am Samstag zum Anlass seines offenen Ateliers nach Gaildorf. Ein Werkstattbesuch geriet dadurch zum Festakt: Morgens quollen umtriebig-ansteckende Melodien aus dem Atelier im ehemaligen Kaiga-Gebäude, nachmittags wehten köstliche Pizza-Duftschwaden bis hinein in die Gartenstraße.

Das Atelier ist für Besucher Fundgrube und Schatzkiste in einem: Neben spindelförmigen Skulpturen aus Bruch, „Additionen“ genannt, sieht man mineralisch beschichtete Bildschirme und Notebooks, in denen – verborgen – noch die Festplatten mit ihrer Informationsflut stecken und die als Hintergrund für marmorne Worte und Wörter dienen. In Säckchen und anderen Behältnissen warten Marmorbuchstaben auf Wortbildung und werden – obwohl quasi achtlos gehäuft – zu kleinen Kunstwerken.

Die Wandarbeiten bestehen aus mit Gewebe überzogenen Holzfaserplatten, die mithilfe von Beton, Gips und Fliesenkleber feinfarbig mineralisch beschichtet wurden. Drei Tonnen Sandstein aus Abriss von Gebäuden an Karlstraße und Grabenstraße hat der Künstler schon in zwei wuchtigen Skulpturen – derzeit noch im Rohaufbau befindlich – verarbeitet.

Bildmaterial, Modelle und Entwürfe dokumentieren gegenwärtige, zukünftige und zurückliegende Projekte. So auch Freudes bislang in Gaildorf gesetzte steinerne Spuren: das fehlende R in Schloss(r)ealschule, das Wortbild „ride on“ zum Pferdemarkt, das beim Bluesfest zu „ride on ride on“ ergänzt wurde, des Weiteren eine Stele für das Kindergrabfeld auf dem Gaildorfer Friedhof.

In Planung ist eine steinerne Schutzvorrichtung vor einem – laut der neuen Brandschutzverordnung – zu niederen Geländer im Treppenhaus des Rathauses, in die der Künstler einen Teil des Textes der Verordnung integrieren will. Ein Entwurf gilt einer illuminierten „Addition“, die für den Bereich am Unterroter Friedhof vorgesehen ist.

Außerdem hat Freude ein Modell entwickelt für seine Teilnahme an den Schwabacher Kunsttagen im August. Zwischen den verschiedenen Arbeiten besteht laut Freude ein Zusammenhang: ein Werkzyklus, bestehend aus 16 Wandarbeiten, 12 Wortsteinen („ride on ride on“), einer dreieinhalb Tonnen schweren „Addition“ und einer Fotografie. Auf der reitet der Künstler auf seiner „Addition“ durch eine Plattenlandschaft wie Münchhausen auf der Kanonenkugel. Freude: „Noch nie waren alle Elemente dieses Zyklus räumlich so nah beieinander wie in Gaildorf.“

Neuer Gaildorfer Stadtmaler schreibt in Marmor

Bildergalerie Neuer Gaildorfer Stadtmaler schreibt in Marmor

Musik ist für den Bildhauer Energie- und Inspirationsquelle. Musiktitel werden zu Wortbildern: „ride on“ („The Song of the singing Horseman“) ist der Titel eines Liedes des irischen Songwriters Jimmy MacCarthy, der längere Zeit auch als Jockey arbeitete. Verdoppelt zu „ride on ride on“ und platziert vor dem Neuen Schloss, lässt der Text ganz andere – vom Künstler unbeabsichtigte – gedankliche Wege zu: Mit „ride on ride on“ beginnen nämlich alle Verse einer Hymne zum Palmsonntag (Einzug Jesu in Jerusalem), deren Text von dem englischen Historiker und Geistlichen Henry Hart Milman stammt. Dieser wiederum war ein Zeitgenosse der Gräfin Amalie von Waldeck-Limpurg, die 1846 einen Pavillon erbauen ließ, der baulicher Kern des Neuen Schlosses wurde. Als Element christlichen Ursprungs aufgefasst, passt „ride on ride on“ ebenfalls in Gaildorfer Tradition.

Youtube Jimmy MacCarthy - The Song of the Singing Horseman

Unter den Besuchern waren die letztjährige Stadtmalerin Cornelia Brader, Freudes ehemaliger Steinmetz-Lehrer Kurt Sipple, frühere Mitschüler – ebenfalls Steinmetze – aus Freiburg und Mainz, der Haller Künstler Michael Turzer, Kollegen der IG Kunst, Stadträte, Vertreter der Stadtverwaltung und die Stadtmaler-Betreuer Rolf Deininger und Martin Zecha. Etwa hundert Leute dürften es insgesamt gewesen sein. Nachdem alle gegangen waren, begab sich der Künstler zum Alten Schloss und genoss auf der Galerie, sozusagen im ersten Rang, den Film „A Star is born“.

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Die Band „ScheinEilig“, die sich zu gegebenem Anlass „SteinEilig“ taufte, besteht aus Stefan Hegele (Helikon-­Tuba, Gesang) mit Söhnen Johannes (Trompete, Gesang) und Martin (Akkordeon, Steirische Harmonika, Gesang, Komposition). Seit knapp vier Jahren treten sie zusammen auf und werben mit schwäbisch-bayerischer „VolXmusik“. Erst im Frühjahr hatten sie den Fraunhofer-Preis als beste Nachwuchsinterpreten von Volksmusik abgeräumt. Dabei reicht ihr Repertoire mit Filmmelodien, Schlagern der 20er- und 30er-Jahre und Balkan-Klezmer weit über Gstanzln hinaus: Von der Titelmelodie zu „Game of Thrones“ über den „Gefangenenchor“ aus „Nabucco“ bis hin zu einer genialen Verwebung Martin Hegeles von „Lauf, Müller, lauf“ mit „She’s a little Runaway“ von Bon Jovi klang alles so frisch und mitreißend, dass man einfach dazu tanzen musste. ik