Im Fall der vermissten siebenjährigen Tara R. aus dem Gaildorfer Teilort Ottendorf erhöht sich offenbar der Ermittlungsdruck auf die Mutter. Nach Informationen unserer Zeitung laufen inzwischen mehrere Verfahren gegen Inka R., unter anderem wegen Kindesentführung. So hat das Schwäbisch Haller Jugendamt bereits am 18. Dezember 2020 Strafanzeige bei der Staatsanwaltschaft gestellt und beruft sich dabei unter anderem auf Paragraf 235 des Strafgesetzbuches, der den Straftatbestand „Entziehung Minderjähriger“ definiert. Zum laufenden Ermittlungsverfahren wollte sich die Staatsanwaltschaft Heilbronn, deren Zweigstelle in Schwäbisch Hall sitzt, „aus ermittlungstaktischen Gründen“ nicht äußern.
Der Fall ist außerdem bei der Staatsanwaltschaft Stuttgart anhängig. Dort bestätigte die Pressestelle, dass „im Zusammenhang mit dem von Ihnen geschilderten Sachverhalt Unterlagen eingegangen“ sind, „die derzeit geprüft werden“. Weitergehende inhaltliche Auskünfte könne man zum jetzigen Zeitpunkt nicht erteilen.

Öffentliche Fahndung

Am 29. Januar, also vor zwei Wochen, hatte sich die Haller Polizei mit einer Vermisstenfahndung an die Öffentlichkeit gewandt. Darin ist zu lesen, dass die siebenjährige Tara bereits seit dem 1. September 2020 vermisst wird. Zuvor war der Mutter auf Bestreben des Haller Jugendamts das Aufenthaltsbestimmungsrecht entzogen worden. Mehrere Aufforderungen, der richterlichen Anordnung nachzukommen, blieben ohne Ergebnis, weshalb schließlich die öffentliche Fahndung eingeleitet wurde. Die Polizei geht davon aus, dass Tara mit Inka R. unterwegs ist, die Mutter also durch ihre Flucht die Inobhutnahme des Kindes verhindern will.
Doch bislang wird nur nach dem Kind öffentlich gefahndet. Wie geht es nun bei der Suche weiter? Ist in Kürze auch mit einer öffentlichen Fahndung nach der Mutter zu rechnen? Die Staatsanwaltschaft will sich dazu nicht äußern. Auch Richter Jens Brunkhorst, am Haller Amtsgericht unter anderem zuständig für Strafsachen, kommentiert den vorliegenden Fall nicht. Doch er erläutert das allgemein übliche Vorgehen: Gehe bei der Staatsanwaltschaft eine solche Strafanzeige ein, prüfe sie zunächst, ob eine Straftat und ein Haftgrund vorliegen. Wird beides bejaht, geht der Fall an das zuständige Gericht – in diesem Fall wäre es das Haller Amtsgericht –, wo geprüft und entschieden werde, ob Haftbefehl erlassen wird. „Doch die Staatsanwaltschaft ist Herrin des Ermittlungsverfahrens“, so Brunkhorst.
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Satteldorf

Eine drängende Frage ist: Hat Inka R. ihr Kind „nur“ entzogen, oder geht für Tara durch die familiäre Situation und den innerfamiliären Umgang eine Gefahr aus? Eine Stellungnahme des Haller Landratsamts deutet auf Letzteres hin. Zwar könne man sich zum vorliegenden Fall nicht äußern, jedoch würden „vom Familiengericht die notwendigen Teile des Sorgerechts wie beispielsweise das Aufenthaltsbestimmungsrecht in der Regel auf das Jugendamt übertragen, wenn zur Abwendung einer Kindeswohlgefährdung nur mit einem Eingriff in das Sorgerecht begegnet werden kann“.
Wie dem Strafantrag des Haller Jugendamts zu entnehmen ist, geht man dort davon aus, dass sich Inka R. inzwischen mit ihrer Tochter im Ausland aufhält. Auf Grundlage des „Haager Übereinkommens über die zivilrechtlichen Aspekte internationaler Kindesentführungen“ hat das Jugendamt bei der Zentralen Behörde für internationale Sorgerechtskonflikte in Bonn einen „Antrag auf Rückgabe“ gestellt. Dies soll unter anderem die behörden- und länderübergreifende Zusammenarbeit bei der Suche nach dem Kind vereinfachen.

Spur nach Malta

Inzwischen hat der deutsche Anwalt Kai Jochimsen öffentlich die Mandantschaft für Inka R. und deren Tochter Tara erklärt. Nach eigenen Angaben ist er bei der Rechtsanwaltskammer Köln registriert, seine Kanzlei befindet sich jedoch auf Malta. Auf seiner Internetseite schreibt Jochimsen: „Es ist bedauerlich, dass sich die Polizei missbrauchen lässt, Tara als vermisstes Kind zu führen und ihr Recht am eigenen Bild zu verletzen.“ Und weiter: „Taras Aufenthalt ist bekannt; nur nicht demjenigen, den er nichts angeht.“
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Metzingen

Im November 2017 berichtete „Spiegel Online“ über einen Fall von Kindesentzug: Eine Berlinerin hatte sich mit ihrer Tochter nach Thailand abgesetzt. Unter Mithilfe deutscher Kriminalbeamter konnte das Kind zum sorgeberechtigten Vater zurückgebracht werden, die Mutter bekam eine Freiheitsstrafe von zwei Jahren und sechs Monaten wegen Entziehung Minderjähriger. Nach Überzeugung des Amtsgerichts war die Mutter mit ihrer Tochter über Malta nach Thailand ausgereist, obwohl der Vater der Neunjährigen das alleinige Sorgerecht hatte.
Der Anwalt der Mutter damals: Kai Jochimsen.

Die Polizei bittet um Hinweise

Seit dem 1. September 2020 wird die siebenjährige Tara R. aus Gaildorf-Ottendorf vermisst. Sie dürfte sich in Begleitung ihrer 47-jährigen Mutter Inka R. befinden, da beide im September ihren gewohnten Lebensbereich gemeinsam verlassen haben. Es wird von der Polizei nicht ausgeschlossen, dass sich beide im Ausland befinden oder zwischenzeitlich befanden. Das Kind wird wie folgt beschrieben:

· ca. 1,15 bis 1,25 Meter groß
· schlank
· dunkelblonde lange Haare
· blaue Augen

Wer hat das vermisste Kind gesehen oder kann Informationen zu seinem Aufenthaltsort geben? Hinweise an das Kriminalkommissariat Schwäbisch Hall, Salinenstraße 18, 74523 Schwäbisch Hall, Telefon 07 91 / 40 00 (rund um die Uhr erreichbar), E-Mail: schwaebisch- hall.prev@polizei.bwl.de