Schmerzlich vermisst haben die Menschen im Limpurger Land „ihren“ Kocherboten, die zum 31. März 1943 durch die Nazis stillgelegte Gaildorfer Tageszeitung. Mehr als sechs Jahre lang gab es die neuesten gedruckten Nachrichten aus Stadt und Land recht spärlich durch den Backnanger Murr- und Kochertalboten. Das sollte sich mit dem 1. Juli 1949 ändern: Hans Kupczyk, mit der Verlegerfamilie Schwend verwandt, hatte von den US-Behörden die Lizenz zur Wiederherausgabe des Kocherboten erhalten.

„Da schreitet er wieder daher“

Zeitungsleute wie auch die Leser im Raum Gaildorf feierten diesen Akt überschwänglich. Und so ist die Nummer eins des Blattes, das zunächst zur unter schwierigen Bedingungen zu bekommen war, geprägt von Jubelarien. Voller Pathos begrüßte Chefredakteur Otto Kern den „neuen“ Kocherboten: „Da schreitet er wieder daher, mit Sack und Ledertasche voll Zeitungen, auf Wegen und Pfaden, die vor ihm über hundert Jahre lang der alte Kocherbote gezogen ist“. Nun trete dieser „in eure Stube und händigt dem Bauern und dem Städter seine Heimatzeitungen aus“.

Vor 70 Jahren in Gaildorf Der Kocherbote kehrt zurück

Gaildorf

Viele Leser, so Kern, hätten den Kocherboten „gerufen“. Und nun sei er da. Auch viele neu ins Limpurger Land „aus anderer Heimat gekommene deutsche Brüder und Schwestern nehmen die neue Heimatzeitung in die Hand“. Den alten Lesern sei die Zeitung „ans Herz gewachsen als ein Stück Heimat“, sie hätten ihn überall „mit freundlichen Blicken und offenen Armen empfangen“. Der Redakteur schließt mit den Worten „Grüß Gott in der Heimat. Das ist der erste Gruß des Kocherboten“.

Eine enorme Herausforderung war damals der Aufbau eines umfangreichen Vertriebsnetzes. Im Vorfeld der „Premiere“ hatte der Verlag mit vielen Firmen und Privatpersonen verhandelt, um entsprechende Agenturen einzurichten. In 21 Fällen war dieser organisatorische Akt von Erfolg gekrönt. Wo es keine solche Anlaufstelle gab, konnten die Leser über die Post ihre Bestellungen aufgeben. Allerdings war dies aus nicht näher bekannten „postalischen Bestimmungen“ erst ab 1. August möglich.

Parallel dazu konnte das junge Pressehaus etliche Zeitungsausträger rekrutieren. Wo es noch Lücken gab im Verbreitungsgebiet, schritt Verleger Kupczyk persönlich zur Tat. Er fuhr, die Zeitungstasche umgehängt, mit seinem alten Moped über Land und steckte den Kocherboten in die Briefkästen. Was sich zwischen Druckerei und Wohnzimmer der Zeitungsleser abspielte, war ein heute kaum mehr vorstellbarer logistischer Kraftakt.

Schwäbisch Hall

Am Anfang 2,50 Mark im Monat

Und der wollte selbstverständlich auch entlohnt werden. Ein Monats-Abonnement – sechs achtseitige Ausgaben pro Woche – kostete zunächst 2,20 Mark, zuzüglich 30 Pfennig Trägerlohn. Wer sich die Zeitung per Post schicken ließ, musste 2,74 Mark bezahlen. Mit diesen auch in wirtschaftlich schwierigen Zeiten moderaten Preisen wäre der kleine Verlag jedoch nicht über die Runden gekommen. Zur wichtigsten Einnahmequelle wurde – wie bei allen Tageszeitungen – der Anzeigenverkauf.

Vom Ansturm überrascht

Und der lief gut in jenem Sommer 1949. So gut, dass der dafür vorgesehene Platz nicht ausreichte. Gleich in der ersten Nummer warb der Verlag bei seinen Anzeigenkunden um Verständnis, weil es Probleme gab: „Wegen der Anzeigenfülle für unsere Anfangsnummer sahen wir uns leider genötigt, einen Teil der Anzeigen in der darauffolgenden Samstagsnummer zu bringen“. Zwei der acht Zeitungsseiten waren voller Inserate aus der heimischen Geschäftswelt. Damit hatte die Belegschaft nicht gerechnet …

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Kaum erwarten konnte Schmied Johann Lindenmaier aus Frickenhofen die für den 1. Juli 1949 angekündigte Wiederherausgabe des Kocherboten, erinnert sich seine Enkelin Margot Grau: „Er war einer der Ersten, die die Zeitung bestellt haben.“ Dabei hatte der Achtzigjährige erhebliche Sehprobleme und konnte trotz Brille kaum noch lesen. Und weil er es gewohnt war, über all das, was sich im Dorf und auf der Welt ereignete, gut informiert zu sein, musste ihm eben Enkelin Margot, damals 14 Jahre alt, nach der Schule aus der Zeitung vorlesen. Auf diese Weise, sagt sie, habe sie damals „alles mitbekommen“. Heute noch lese sie jeden Tag die Zeitung – „von vorne bis hinten“. kmo