Hoffnungen dürften sich patriotisch gesinnte Schwaben gemacht haben, als sie die erste achtseitige Nachkriegsausgabe des „neuen“, von Hans Kupczyk herausgegebenen Kocherboten in Händen hielten: Es ging am Freitag, 1. Juli 1949, unter anderem und sehr vage um die künftige Hauptstadt Deutschlands. Angeblich soll sich die Mehrheit der Ministerpräsidenten für Frankfurt ausgesprochen haben. Allerdings habe man sich dann darauf verständigt, die erste Bundesversammlung an einem „neutralen Ort“ einzuberufen, etwa in Stuttgart. Und es sei daran gedacht worden, den ersten Ort, an dem die Bundesversammlung zusammentreten werde, zumindest als (vorläufigen) Bundessitz zu bestimmen.

Tarifvertrag für Waldarbeiter

Was daraus wurde, ist hinreichend bekannt. Das gilt auch für die ersten Verhandlungen über die Bildung eines Südweststaats. Der Kocherbote berichtete über eine Sitzung des württembergisch-­badischen Ministerrats und der Landesregierung von Württem­berg-­Hohenzollern. Und dann wurde noch die Gründung der Deutschen Postgewerkschaft verkündet sowie die Unterzeichnung eines Tarifvertrags für die Waldarbeiter im Südwesten.

Vor 70 Jahren in Gaildorf Der Kocherbote kehrt zurück

Gaildorf

Aus der Heimat verjagt

Breiten Raum nahm in der Berichterstattung – die sich überwiegend auf die Nachrichtenagenturen Dena, Reuter oder UP stützte – die Lage der Flüchtlinge ein. Demzufolge hatten bis Ende Mai insgesamt 695 618 aus Osteuropa vertriebene Menschen in Württemberg-Baden eine neue Heimat gefunden, davon 471 665 in Württemberg. Eine erlösende Nachricht für viele Familien in Stadt und Land: Weitere 24 Transporte mit insgesamt 4153 Kriegsheimkehrern sind im Durchgangslager Ulm eingetroffen.

Dramatisch: Bei einem Luftangriff auf Shanghai, von der Luftwaffe „Nationalchinas“ geflogen, kamen 500 Menschen ums Leben. Das Blatt berichtete, die Flieger hätten eigentlich den Nordbahnhof treffen wollen, ihre Bombenlast aber aus Versehen über Wohngebieten abgeworfen.

Kulturell im Mittelpunkt stand die „glanzvolle Neuinszenierung“ des „Rosenkavaliers“ in der Stuttgarter Staatsoper. Im Sportteil wurde über den Ausgang des Pokal­endspiels Dortmund gegen Kaiserslautern spekuliert und über die Tour de France berichtet, deren erste Etappe der Franzose Marcel Dussault gewann.

Unheimliche Erzählung

Einen Fortsetzungsroman gab es damals auch schon: „Die schwarze Katze“ von Edgar Allan Poe, eine „unheimliche Erzählung“. Berichtenswert erschien der Redaktion auch die Einladung an den Tübinger Theologen Helmut Thielicke – dessen Besuch bei Graf Gottfried von Pückler-Limpurg in Gaildorf während des Krieges in seinen Memoiren verewigt ist – zu einem Vortrag vor der österreichischen Pfarrschaft.

Auch der Wetterbericht durfte nicht fehlen. Für den 1. Juli waren für Gaildorf Höchsttemperaturen zwischen 20 und 25 Grad prognostiziert. Er werde „teils bewölkt, teils aufheiternd“ und es falle „höchstens ganz vereinzelt geringfügiger Niederschlag“. Ein Blick aufs Programm von „Radio Stuttgart“: Gesendet wurde ab 12 Uhr. Zunächst unter dem Motto „Lache, tanze“ und um 12.10 gab es „Musik nach Tisch“, bevor um 14 Uhr der Schulfunk begann.

Schwäbisch Hall

Kernerturm renoviert

Der Lokalteil enthielt neben vielen Bekenntnissen zur wiedererstandenen Heimatzeitung und zwei Leitartikeln einige zeitlose Berichte, etwa über das Gaildorfer Stadtwappen oder die Holzflößerei, „billige Kleidung für Landarbeiter“, das Gaildorfer Kinderfest, die Einweihung des renovierten Kernerturms oder das Schwimmfest in Gschwend. Die Auswahl besorgten Dr. Emil Kost, Schwager von Altverleger Hermann Schwend, und Otto Kern.

Abgerundet wird das erste Blatt – mit dem etwas sperrigen Titel „Der Kocherbote – Gaildorfer Tagblatt – Heimatzeitung für das Limpurger Land“ – durch seinen informativen, aufschlussreichen Anzeigenteil …

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