Keinerlei Notiz hätte die Nachwelt von ihr genommen, wäre sie nicht auf so furchtbare Weise ums Leben gekommen: Margaretha Wild, verwitwete Hebamme in Gaildorf, starb als „Hexe“ den Feuertod. Ihr Schicksal anno 1594 markierte den Beginn einer Serie von Verfolgungen und Prozessen im Zentrum des Limpurger Landes, an deren Ende im Jahr 1627 viele Todesopfer standen.

„Hexen“ und „Unholde“ werden zu Tode gefoltert

Gaildorfs Stadtarchivarin Dr. Heike Krause nennt in ihrem Beitrag „Mit dem Feuer vom Leben zum Tod gericht“ für das Buch „Kleine Stadt am Fluss“ (2010) insgesamt 27 Frauen und zwei Männer aus der Stadt und der näheren Umgebung, die in jener Zeit als „Unholde“ und „Hexen“ denunziert, verhaftet und gequält worden sind. Drei Frauen seien an den Folgen der grausamen Folter gestorben, 18 der Angeklagten auf dem Scheiterhaufen verbrannt worden.

Alle Opfer eint ein „Verbrechen“: Sie wurden in einer Zeit des wie eine Seuche grassierenden Aberglaubens für Vorkommnisse verantwortlich gemacht, die sich niemand erklären konnte – oder wollte: mysteriöse Todesfälle, Viehseuchen, Missernten und vieles mehr. Oft reichte schon ein „böser Blick“, um als Hexe verschrien zu werden. Das Volk brauchte Sündenböcke. Auch um von eigenen Straftaten abzulenken oder unliebsame Personen loszuwerden.

Als rechtliche Grundlage für die Hexenprozesse diente eine von Kaiser Karl V. 1532 erlassene Straf- und Prozessordnung, „Carolina“ oder „peinliche Halsgerichtsordnung“ genannt. Damit konnten Geständnisse unter Anwendung der Folter erzwungen, die dann „schuldig“ Gesprochenen hingerichtet werden. Allein in Deutschland wurden mehr als 25.000 Menschen umgebracht.

Bühlertann

Städte rehabilitieren die Opfer

Die Schicksale aller Gaildorfer Hexen sind – bis auf wenige Beispiele – nie im Detail aufgearbeitet worden. Auch gab es in der Vergangenheit keinerlei Bemühungen, die Opfer in irgendeiner Form posthum zu rehabilitieren, wie das beispielsweise die Stadt Köln im Jahr 2012 getan hat: Der Stadtrat verurteilte einstimmig die Tötung von 38 Frauen und Männern und stellte sich damit gegen „jegliche Missachtung der Menschenwürde und Menschenrechte“.

Auch in Wiesensteig im Kreis Göppingen, wo zwischen 1562 und 1612 mehr als 100 Menschen dem ersten großen Hexenwahn auf deutschem Boden zum Opfer fielen. Der Gemeinderat wie auch die Kirchengemeinden sahen sich ethisch verpflichtet, diesen Frauen und Männern Würde und Ehre zurückzugeben.

Diesen Beispielen folgten im Lauf der Jahre weitere Städte und Gemeinden. Wohl wissend, dass damit die vor Jahrhunderten gefällten Urteile im juristischen Sinn nicht aufgehoben werden können. Ihnen geht es darum, bis heute praktizierte Ausgrenzung und Diffamierung von Menschen abzulehnen. Die späte Ehrenrettung wird als eine symbolische Geste verstanden.

Bemerkenswert: Bergeweise Akten über den Verlauf der Gaildorfer Hexenprozesse sind im Staatsarchiv in Ludwigsburg erhalten. Auch die über das Schicksal der Margaretha Wild, die heute auf den Tag genau vor 425 Jahren ihre erste Nacht in Haft hinter sich hatte: im Keller des Rathauses, an zwei Ketten „angeschmiedet“. Archivarin Heike Krause schildert nach Auswertung der Dokumente die haarsträubende Geschichte, die mit dem qualvollen Leiden der schwangeren Ehefrau des gräflichen Vogts Caspar Gärtner begonnen hatte.

Schenken zeigen sich unbarmherzig

Die „Wildin“, so die Anschuldigungen, verhexe Gebärende und deren Kinder, sei für ungeklärte Todesfälle verantwortlich. Am 16. Oktober 1594 wurde sie festgenommen. in der Woche darauf begann das Verhör – zunächst „gütlich befragt“. Konkreter Vorwurf: Sie sei für den Tod eines Kindes verantwortlich, für eine Totgeburt und den Tod einer werdenden Mutter. Weitere abstruse Vorwürfe kamen hinzu.

Die Schenken von Limpurg – Gaildorfs Regent Albrecht II., und der Schmiedelfelder Regent Johann – bestimmten einen Ankläger und vier weitere „Gerichtspersonen“. Stadtpfarrer Felix Roschmann und ein zweiter Geistlicher verhörten die arme Frau. Gutachten wurden eingeholt, Juristen befragt. Margaretha Wild beteuerte ihre Unschuld. Ein schärferes Verhör erfolgte am 4. November, ohne Geständnis.

Der Henker aus Biberach quält die „Hexe“

Mit sadistischer Grausamkeit rückten ihr die Peiniger drei Tage später zu Leibe. Doch der gewünschte Erfolg blieb aus. Ein Jurist riet den Schenken, sie aus der Haft zu entlassen und aus dem Land zu jagen. Ihre bisherigen Aussagen reichten nicht aus, um sie als Hexe überführen zu können. Doch die Limpurger Herren besannen sich anders und ließen einen Henker aus Biberach kommen, der die Frau weiter quälte.

Am 2. Dezember brach das „leidige alte Weib“, wie die Gemarterte verächtlich genannt wurde, zusammen. Sie „gestand“: So sei sie im Bereich Ottendorf mehrmals vergewaltigt worden, wohl vom „Teufel“. Und auch einen Hexensabbat habe sie erlebt, das „Wettermachen“ gelernt und das Vieh der Bauern krank gemacht. Auf Geheiß des Teufels schließlich habe sie sieben Säuglinge umgebracht …

Grosselfingen.

Hab und Gut eingezogen

Am 19. Dezember sprachen die beiden Schenken von Limpurg „Recht“: Sie verurteilten die fürchterlich gequälte Hebamme zum Tod. Ein Henker musste sie gleich am nächsten Tag „mit dem Feuer vom Leben zum Tod gericht“ – auf dem Scheiterhaufen verbrennen. Archivarin Heike Krause vermutet, dass Margaretha Wild „auf dem Galgenberg an der Straße nach Eutendorf“ umgebracht wurde. Ihr Hab und Gut wurde eingezogen – zur Deckung der Prozesskosten.

Dem letzten dokumentierten Hexenprozess in Gaildorf fiel im Jahr 1627 der Hufschmied Wolf Hagel zum Opfer. Doch damit war der Hexenglaube nicht überwunden, wie der frühere Gaildorfer Oberamtsarzt und Sozialreformer Carl Heinrich Rösch 1853 in „Medicinischen Correspondenz-Blatt“ des württembergischen Ärztevereins berichtete. Er schilderte ausführlich den Prozess und die Tötung Hagels. Wie es den vielen anderen der Hexerei Angeklagten erging, ist den noch erhaltenen Akten zu entnehmen: Die „Koppengret“ und die „Schmiedagnes“, die „Kochenhäfnerin“ und die „Schallmargret“ und viele andere – an sie und ihr Sterben erinnert bis heute nichts im öffentlichen Raum der Stadt.

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