Es wird in der nächsten Zeit in Gaildorf wieder einige leere Schaufenster geben. Das Traditionsgeschäft Spielwaren Maier in der Schulstraße wird zum 31. Januar schließen, und am gleichen Tag wird auch Martin Zecha den Schlüssel zu seinem Blumenhaus in der Bahnhofstraße ein letztes Mal umdrehen. „Nicht so tragisch“, sagt er, „ich mach halt zu.“ Altersbedingt. Zecha geht in den Ruhestand.

Ein paar Schritte weiter in der Karlstraße kann bereits ein Leerstand besichtigt werden: Das Ladengeschäft von Pax Elektronik ist seit dem 1. Dezember geschlossen, das Unternehmen wird sich künftig auf Reparaturen, Kundendienste und Installationen konzentrieren. Auch die Zukunft des A&G-Markts am alten Stadtbahnhof schien bis vor Kurzem besiegelt zu sein. Die Besitzerin Ayhan Gürgüzel hat bereits den „Totalausverkauf“ inseriert. Der Beschluss, das Geschäft aufzugeben, sei aber noch nicht endgültig, sagt sie auf Anfrage, man verhandle wieder.

Einzelhändler haben es nicht nur in Gaildorf schwer

In der Tendenz werden in Gaildorf Entwicklungen sichtbar, die den Einzelhandel generell umtreiben. Missverhältnisse von Ertrag und Kosten gehören dazu, die oft fruchtlosen Bemühungen, hinter der Ladentheke einen Generationswechsel durchzuführen, die wachsende Online-Konkurrenz, Er habe mit seinem Laden in der Karlstraße in den letzten zwei Jahren kein Geld verdient, sagt Michael Paxian von Pax Elektronik. Das Gebäude ist sein Eigentum – hätte er Miete bezahlen müssen, sagt er, hätte er damals schon schließen müssen. Als Ursachen nennt Paxian die Marktsättigung im Bereich der Unterhaltungselektronik, die Konkurrenz der Großmärkte, vor allem aber den Druck des Online-Handels. Im Grunde müsse man sich mit Anbietern in ganz Deutschland vergleichen lassen, sagt er, von der Ungleichbehandlung bei der Besteuerung zu schweigen. Sein Fazit: Ohne zusätzliche Online-Angebote hat der Einzelhandel schlechte Karten.

Die Einflussmöglichkeiten der Kommunen sind da natürlich beschränkt: Man sehe sich vor allem als Ansprechpartner und Vermittler, sagt Dr. Daniel Kuhn, persönlicher Referent von Gaildorfs Bürgermeister Frank Zimmermann. Als beispielsweise die junge Kaffeerösterei „Kochergold“ auf der Suche nach Räumlichkeiten war, habe man den Kontakt zum Vermieter vermittelt.

An sich, sagt Kuhn, verfüge Gaildorf noch über relativ intakte Strukturen. Und die will man auch halten, beziehungsweise darauf aufbauen – etwa mit der Entwicklung des Bebauungsplanes „Paul-Stephan-Park“. Dort will der Züblin-Mutterkonzern Strabag in zwei Fachmärkte, Wohnungen und Parkplätze investieren.

Umgehungsstraße Gaildorf Die Planung verzögert sich weiter

Gaildorf

Kommender Vortrag fokussiert sich auf die Innenstadt

Die Stadt wird aber auch grundsätzlich aktiv. Für den 21. Januar 2020 ist Prof. Dr. Dirk Funck von der Hochschule für Wirtschaft und Umwelt in Nürtingen/Geislingen zum Vortrag in den Kernersaal geladen. Unter dem Titel „Handel 2030 in Gaildorf und dem Limpurger Land“ wird er über Einzelhandelskonzepte referieren. Dabei geht es um die Frage: „Braucht die Stadt den Einzelhandel oder der Einzelhandel die Stadt?“ Man wolle vor allem Einzelhändler, Gastronomen, Eigentümer von Innenstadt-Immobilien ansprechen, sagt Kuhn, im Grunde aber sei jeder eingeladen, der sich für das Innenstadt-Leben interessiere.

Dirk Funck hat das Dialog-Projekt „Handel 2030“ des Landes begleitet. Er lehrt Handelsbetriebslehre an der Hochschule für Wirtschaft und Umwelt Nürtingen-Geislingen und berät mittelständische Einzelhandelsunternehmen und Kommunen.

Info


Der. Vortrag von Prof. Dr. Dirk Funck findet am Dienstag, 21. Januar, im Kernersaal statt. Der Eintritt ist frei.

Dialog-Workshops zur Zukunftsfähigkeit des Einzelhandels


Situation Der Online-Handel setzt den stationären Handel unter Druck. So kann man die Situation, die sich mit dem Aufkommen des E-Commerce in den letzten Jahren entwickelt hat, einigermaßen zusammenfassen. Dabei hat der Einzelhandel mit vergleichsweise schlechten Bedingungen zu kämpfen: Anders als der Online-Konkurrent unterliegt er Beschränkungen und zusätzlichen Lasten, etwa durch die Bauordnung und die Raumplanung; hinzu kommen vergleichsweise geringe Erträge bei hohen Personal- und Miet- oder Immobilienkosten.

Projekt Mit etwa 46.000 Unternehmen mit mehr als 300.000 sozialversicherungspflichtigen Beschäftigten ist der Einzelhandel eine der wichtigsten Branchen in Baden-Württemberg. Seine Zukunftsfähigkeit ist Thema des Dialogprojektes Handel 2030, das im Sommer 2018 vom Ministerium für Wirtschaft, Arbeit und Wohnungsbau mit Partnern aus Handels- Wirtschafts- und Kommunalverbänden, der Gewerkschaft ver.di und dem Genossenschaftsverband initiiert wurde. In sechs themenspezifischen Workshops wurden Diagnosen und Analysen erstellt und Handlungsempfehlungen erarbeitet. Der Abschlussbericht wurde im Oktober vorgelegt und steht nun auf der Homepage des Wirtschaftsministeriums.