Gaildorf an einem Sommerabend. Ein halbes Dutzend Autos, darunter PS-starke Limousinen, überziehen das Kochertal mit einem Lärmteppich. Sportabgasanlagen mit Klappentechnik und Soundgeneratoren sorgen für martialisches Gedröhne. Das reicht den jungen Fahrern aber nicht: Die Schloss-Straße zwischen Ob der Steige und Marktplatz wird zur Beschleunigungsstrecke. Wie die Bahnhofstraße und die Bundesstraße 298 Richtung Unterrot. Immer wieder wird das Hallengelände, wo sich die Autoposer täglich treffen, zur Boxengasse. Oder, um weg vom Schuss zu sein, die Kocherwiese.

Mit dem Corona-Läuten

„Eine Streife ist schon auf der Anfahrt“, sagt die Polizistin am Telefon und signalisiert, dass die Raserei in Gaildorf seit Minuten schon Thema ist in der Haller Zentrale. Wenig später nahen ein Streifenwagen mit Blaulicht und ein Zivilfahrzeug. Einen der Fahrer haben die Ordnungshüter offenbar schnell am Wickel. Er wird auf dem Kocherdamm kontrolliert. Danach kehrt Ruhe ein.

Zumindest für den Rest dieser Nacht. Am nächsten Tag scheint alles vergessen. Aufs Neue werden – wie immer pünktlich mit dem Corona-Läuten der Kirchenglocken um 19.30 Uhr – die großen Durchgangsstraßen zu Rennstrecken. Was die Kontrollen am Vortag erbracht haben, darüber gibt es – weil das nach Auskunft eines Polizeisprechers nicht protokolliert wird – keine verlässlichen Informationen.
Bürgermeister Frank Zimmermann kennt das Problem aus eigenem Erleben: Die Lärmbelästigungen würden „immer schlimmer“, es sei aber „schwierig, dem Herr zu werden“. Er hat schon mehrmals nach entsprechenden Vorkommnissen den Brennpunkt am Hallengelände aufgesucht und die jungen Leute auf ihr Tun angesprochen. Stets sei ihm dann versichert worden, man werde sich „regelkonform“ verhalten. Aber kaum daheim, „geht das schon wieder los!“

Polizei: „Zeitnah“ melden

Auch der Leiter des Polizeipostens Gaildorf, Hauptkommissar Thomas Just, weiß um die Belästigungen. Man gehe jedem Hinweis nach. Bürger, die Zeugen der Raserei werden, sollten sich „zeitnah“ melden. Allerdings genüge es nicht, wie er in der Vergangenheit schon mehrfach betont hatte, pauschale Wahrnehmungen mitzuteilen. Wichtig seien konkrete Beobachtungen und vor allem die Kennzeichen der Fahrzeuge. Um rechtliche Schritte einleiten zu können, ist es der Polizei wichtig, die Übeltäter auf frischer Tat zu ertappen.

Was aber durch eine nur gelegentliche Polizeipräsenz nicht gewährleistet sei, wie Rathauschef Zimmermann feststellt. Hier wäre seiner Ansicht nach eine „deutlich höhere Frequenz“ der Streifenfahrten angebracht. Der Stadt selber – und damit auch der City-Streife – seien die Hände gebunden, die Überwachung des „fließenden Verkehrs“ sei Sache des Polizeivollzugsdienstes.
Und der scheint auch und gerade in Zeiten der Corona-Pandemie überfordert zu sein. Das geht aus dem Telefongespräch eines lärmgeplagten Bürgers hervor, der sich nächtens an die Polizei gewandt hatte: Er sei gefragt werden, ob es sich denn noch lohne, eine Polizeistreife vorbeizuschicken? Die einzige, die sich derzeit in der Nähe befinde, sei bei einem Einsatz im Bühlertal.
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Unterdessen geht das Rasen und Lärmen weiter. Die Protagonisten des Geschehens scheuen weder Mühe noch Gummi, um den schlafenden Bürgern zu zeigen, wo der Hammer hängt. Und weil’s so „cool“ war, gibt es das Ganze auch bei sonntäglichem Tageslicht. Was bleibt, sind die Drift-Spuren am Hallengelände in Form von dickem Reifenabrieb.
Und auch das bleibt: die Angst von Bürgern, nachts in der Stadt unterwegs zu sein. Weil das Überqueren der Straßen zum Russisch Roulett gerät, die Nutzung des Wegs zwischen Hallen und Nordstadt zum Spießrutenlauf.

Ein Schlag ins Gesicht der Lärmgeplagten mag da der kürzliche Testbericht des Magazins „Auto Bild“ sein über das Audi RS 5 Coupé: „Mehr Krawall, weniger Perfektion, bitte!“