Traugott Wörner, Wolfgang Höfer und Burkhard Tischer, engagierte Mitglieder der Kulturschmiede, hatten zu einem ­„Ost-West-Abend“ eingeladen. „Schwarzwald trifft Spreewald“ stand auf der Speisekarte. Sie servierten Schwarzwälder Schinken, Spree-Gurken und Schmalz aus Bronkow in der Lausitz. Original Ost-West war die „Bedienung“: Wolfgang Höfer aus Gaildorf und Burkhard Tischer aus Forst in der Lausitz. Seit 14 Jahren lebt er in Gaildorf. Zu hören gab es im Häberlen Hits vom Band, die etwa bis 1989 vorwiegend aus Ost- oder Westdeutschen Radios ertönten.

Über die Musik nach Gaildorf

Musik verbindet. Das ist Burkhard Tischers Erfahrung. Im Jahr 2002 ist er Schlagzeuger bei den Zydeco Alligators. Seine Band gewinnt Blues-Award und Publikumspreis beim 19. Internationalen Dresdener Bluesfestival. Eine Einladung bringt die „Alligators“ im März desselben Jahres ins Häberlen. Der Schlagzeuger lernt dort seine zweite Frau kennen. Siedelt zwei Jahre danach von Forst nach Gaildorf. Und bleibt.

„Ich hatte einen guten Job in Forst, musste nicht gehen“, sagt Tischer (61), seit mehr als 42 Jahren Fachmann im Gleisbau. Nach der Wende bekommt der Bauingenieur für Eisenbahnbau Kollegen aus Gesamtdeutschland. „Das war ganz toll, wie wir uns alle verstanden, wir kamen alle aus anderen Regionen. Ob Vereinigung klappt, hängt auch davon ab, wie man selbst ist.“

Zwiefalten begrüßt Gäste aus Thüringen und Sachsen Gedenken an Mauerfall vor 30 Jahren

Zwiefalten

Zu Freunden in Forst hält er bis heute Kontakt, trifft sich jährlich mit Leuten einer früheren Clique. Sie fragen oft, wie er fern der Heimat so zufrieden sein könne. „Wenn viele im Westen nicht richtig Fuß fassen und wieder zurückgehen, dann ist es vielleicht Heimweh und das Gefühl, sich hier nicht richtig entfalten zu können“, gibt Tischer zu bedenken. Er selbst hat den Umzug in den Westen nicht bereut.

Was half: Er fand schnell eine Arbeitsstelle in Stuttgart, eine passende Frau und mithilfe seines Schlagzeugs Kontakt zu anderen Gaildorfern, die gern musizieren. Heute spielt er etwa im Ensemble „Klang quert“ mit, engagiert sich in der „Offenen Männerrunde“ der Stadtkirche. Und in der Kulturschmiede. Gibt es für ihn Ossis und Wessis? „Nein, für mich sind wir alle Landsleute.“

Tischer ist kein „(N)Ost“-algiker: „Es war völlig okay, wie es damals lief. Doch Vereinigung im eigentlichen Sinne war es nicht, eher eine Angliederung.“

Alle Leitungen belegt

Am 9. November 1989 sah er im Fernsehen, wie Günter Schabowski die Reisefreiheit verkündete. „Am nächsten Tag auf der Arbeit haben wir Kollegen uns gefragt, ob man denn jetzt fahren dürfe. Und haben schließlich bei der Polizei angerufen und nachgefragt.“ Tischer hat Verwandte im Westen. „Wir haben sie dann versucht anzurufen. Aber Telefonieren ging gar nicht. Alle Leitungen belegt. Wir haben ihnen dann ein Telegramm geschickt und sind am ersten Wochenende nach der Grenzöffnung hingefahren. Danach habe ich ein bisschen Urlaub genommen.“

Wolfgang Höfer weiß auch noch, was er am 9. November 1989 tat: „Ich lag im Schlafsack auf dem Boden und habe ferngesehen. Hab damals in so einem Übergangszimmer gewohnt.“ Was er sah, habe ihn sehr berührt. Familienangehörige in der „Ostzone“ hatte der damals 29-Jährige nicht. Die Wiedervereinigung sei für ihn ein Stück Alltag geworden, da er, im technischen Dienst tätig, viel mit Kollegen aus dem Osten zu tun habe. Spielt es da eine Rolle, Wessi oder Ossi zu sein? „Nein, wir nehmen es mit Humor. Aber die Wertschätzung bleibt.“ Bei aller Einigung sei es auch nach 30 Jahren wichtig, an DDR und Wende zu erinnern. „Denn die nächste Generation kann sich kaum mehr vorstellen, was da war.“