Fünf Minuten dauert es, bis der Notarzt eintrifft. Es ist Samstag, der 19. Januar, an der B 19 unterhalb des Kieselbergs bei Gaildorf wird ein 21-jähriger entdeckt, blutend, unterkühlt, mit zerschnittenem Gesicht. Um 23.05 Uhr beugt sich der 51-jährige Internist, der im Centrum Mensch in Gaildorf Bereitschaft hatte, über den „nahezu leblosen“ Menschen. Er lässt ihn in den Rettungswagen bringen und entkleiden, entdeckt Stichwunden, meldet im Haller Diak einen Patienten für den Schockraum an. Der Zustand des 21-Jährigen war „lebensbedrohlich“, erinnert sich der Mediziner.

Dem Notarztprotokoll zufolge beträgt die Körpertemperatur des 21-Jährigen 30,3 Grad, er atmete 20 Mal in der Minute, sein Puls lag bei 120 Schlägen. Aber er ist ansprechbar. Der 21-Jährige kann seine Personalien nennen und er sagt auch, wer ihn so zugerichtet hat. Der Name wird notiert. Als der Notarzt seinen Patienten im Diak abliefert, ist er stabil.

Polizei stürmt Wohnung

Der Arzt hat am Freitag vor der 1. Großen Jugendkammer am Landgericht Heilbronn ausgesagt. Es ist der vierte Verhandlungstag in einem Prozess gegen fünf junge Männer im Alter von 21 bis 32 Jahren, denen versuchter Mord vorgeworfen wird. Grund: Der 21-Jährige soll Drogengeschäfte an die Polizei verraten haben. Zugestochen haben soll ein 22-Jähriger, die anderen wollen nichts oder nur wenig mitbekommen haben, hatten aber offenbar auch keine Probleme damit, einen Schwerverletzten bei acht Grad minus im Wald liegen zu lassen. Dem 32-Jährigen, der dazwischengegangen sein will, soll im Auto das Blut von der Hand getropft sein.

Die Beschuldigten fuhren nach Fichtenberg und trennten sich dort. Die Frau des 32-Jährigen hat ebenfalls ausgesagt und berichtet, dass ihr Mann und der mutmaßliche Haupttäter sich „ganz normal eigentlich“ verhalten hätten, als sie irgendwann zwischen 18 Uhr und 19.30 Uhr bei ihr eintrafen. Sie habe bemerkt, dass ihr Mann Bier getrunken und wohl auch andere Drogen konsumiert hatte, über den Zustand des 22-Jährigen könne sie nichts sagen. Blut habe sie nicht bemerkt, sie habe aber auch nicht danach geschaut. Der 22-Jährige habe später die Hose gewechselt – und das Bad sei plötzlich etwas sauberer als gewöhnlich gewesen. Die 44-Jährige attestiert ihrem Mann massive Suchtprobleme, glaubt aber nicht, dass er zu der Tat fähig ist. Er sei auch unter Drogen nie gewalttätig geworden.

Der 22-Jährige wurde tags darauf am Fichtenberger Bahnhof verhaftet, abends stürmte die Polizei dann die Wohnung des Ehepaares und nahm den 32-Jährigen mit. In der Waschmaschine wurde frisch gewaschene Kleidung gefunden, die die 44-Jährige „nicht reingelegt“ und auch nicht gekannt haben will.

Traumatisierte Zeugen

Er wolle die Angeklagten nicht sehen und auch nicht von ihnen gesehen werden, hat ein weiterer Zeuge dem Gericht schriftlich mitgeteilt. Er hat das Opfer an der Bundesstraße entdeckt, in seinem Auto saßen noch seine Frau und seine Tochter. Er befinde sich im Krankenhaus, die Diagnose laute auf posttraumatische Belastungsstörung, teilt der Mann mit. Seine Tochter sei psychotherapeutisch behandelt worden, benötige aber weitere Behandlungen durch einen Traumaspezialisten. Der Notarzt gibt an, sich über seine Fahrerin nach dem Befinden der Zeugen erkundigt zu haben. Weil keine Rückmeldung kam, sei er davon ausgegangen, dass alles in Ordnung sei.

„Wir nehmen das sehr ernst“, sagt Richter Kleinschroth. Der Zeuge soll am 26. September in einem separaten Raum vernommen, die Aussage dann per Video in den Gerichtssaal übertragen werden. Die Verhandlung wird am 9. September fortgesetzt.

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