Mit der Sonne strahlen die Akteure um die Wette an diesem späten Sommermorgen. Eine Zentnerlast fällt allen in historischer Kleidung angetretenen Beteiligten vom Herzen: Obwohl noch „vor der Kirch’“ an diesem Sonntag angesetzt, füllt sich bis 9 Uhr der Innenhof des Alten Schlosses. Etliche Menschen wollen den Start des historischen Kerner-Umzugs von Gaildorf nach Weinsberg miterleben.

Die Württemberg-Hymne

„Glei goht’s los, ich hol no schnell mei Rickele“, lässt Boris Fritz alias Justinus Kerner die versammelte Schar wissen, die offensichtlich um die Bedeutung dieses kulturhistorischen Ereignisses weiß. Schließlich war Kerner nicht irgendjemand. Als Mediziner, der von 1815 bis 1819 als Oberamtsarzt in Gaildorf gewirkt hatte, genoss er überregionales Ansehen. Nicht minder populär war sein Ruf als Schriftsteller und einer der führenden Köpfe der schwäbischen Romantik. Aus seiner Feder stammt unter vielem anderen die Württemberg-Hymne „Der reichste Fürst“ („Preisend mit viel schönen Reden“), die er 1818 in Gaildorf zu Papier gebracht hatte.

Theater Laienschauspieler stellen Umzug von Justinus Kerner nach

Aufregung um Theobald

Naturparkführerin Michaela Köhler, die für den sonntäglichen Menschenauflauf rund ums Schloss verantwortlich zeichnet, hat viele historische Fakten für das „Drehbuch“ verarbeitet und diese mit daran angelehnten Dialogen romanhaft verwoben.

Dass sie, die heute Kerners Ehefrau Friederike, das „Rickele“, spielt, die Familiengeschichte kennt wie kaum jemand anderes, kommt nicht von ungefähr. Als Ururururenkelin Justinus Kerners pflegt sie mit Sorgfalt dessen medizinisches wie literarisches Vermächtnis.

Die Geschichte des Abschieds vom Limpurger Land – den Kerner zwar herbeigesehnt, später aber auch bereut haben soll – beginnt spektakulär: Der kleine Theobald, anno 1817 in Gaildorf geboren und gespielt von Noel Ehmann, sorgt kurz vor der Abreise noch für Aufregung. Gärtner Ludwig (Christian Schweizer) kann ihn nämlich nirgends finden. Die beiden Flößer (Ruben Kehl und Henrik Epperlein) helfen gemeinsam mit anderen bei der Suche. Die Hebamme (Christa Autenrieth) ist jedoch gelassen zuversichtlich: „Er hat ja 13 Taufpaten, da wird er doch im Leben Glück haben“.

Tatsächlich. Der Förster, von Noels Opa Siegfried Ehmann verkörpert, findet den Buben, der sich – was später seine Leidenschaft werden sollte – in der Natur herumgetrieben hatte. Alles ist wieder gut.

Rems-Murr-Kreis

Ein letztes Lebewohl

Nun treten die Honoratioren der Stadt in Erscheinung: etwa Bürgermeister Christian Heinrich Leibius (Jürgen Jäckel vertritt den erkrankten Frank Zimmermann), Kerners Nachfolger Dr. Johann Ludwig Locher (Siegbert Müller), der Kerner-Freund und universalgelehrte Oberjustiz- und Regierungsrat Johann Karl Höck (Martin Frey) und nicht zuletzt Graf und Gräfin von Pückler-Limpurg (Fritz und Marit Jäger).

Im Eiltempo werden Erinnerungen und Ratschläge ausgetauscht. Herzliche Abschiedsworte und Umarmungen werden durch dezentes Pferdegewieher unterbrochen. Der Kutscher – Manuel Bentrup von der Kochertaler Fuhrhalterei wartet mit seinem historischen Gespann vor dem Schloss – muss zum Aufbruch mahnen. Ein letztes „Leben Sie wohl“ fordert Stadtkapelle und den Chor zum Einsatz. Jetzt kann eigentlich nur ein Lied kommen: eben Kerners 1818 in Gaildorf geschriebene Württemberg-Hymne „Preisend mit viel schönen Reden“.

Die Reisenden bahnen sich ihren Weg durch die Menge zum Schlossplatz und besteigen die Kutsche, die wenige Minuten später über die Kanzleistraße in Richtung Fichtenberg entschwindet. Dort  und an den weiteren Stationen wird der Tross von ungezählten Schaulustigen begrüßt und gefeiert.

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