Ungezählte Parkplätze locken Autofahrer in die Gaildorfer Innenstadt. Manchen, die gerne den Stadtkern vom Verkehr entlastet sähen, ist das zu viel. Weite Teile der heimischen Geschäftswelt indes widersprechen der Kritik. Könnten die Kunden nicht bis in die Nähe der Ladentür fahren, blieben die Geschäfte leer.

Kein öffentlicher Grund

Die Debatten darüber haben in den vergangenen Jahren allerdings an Vehemenz verloren. Die Gründe sind vielschichtig und nicht nur auf das schleichende Ladensterben zurückzuführen. Denn im Rahmen der frühen Stadtsanierung entfallene Parkplätze – etwa durch die Verkehrsberuhigung im Kirchenviertel oder in der Grabenstraße – sind einigermaßen kompensiert. Zumindest in der Summe. Denn je nach Örtlichkeit klagen Geschäftsleute über eine unbefriedigende Situation in ihrer unmittelbaren Umgebung.

Dort, wo neue Abstellmöglichkeiten geschaffen wurden, konnte eine Entspannung – wenn auch nicht immer im beabsichtigten Sinn – festgestellt werden: Etwa bei den mehr als 150 Stellplätzen auf dem Gelände des 2005 eröffneten Fachmarktzentrums am Schillerpark, die hauptsächlich an Samstagen restlos belegt sind, handelt es sich um Privatgelände. Und dort darf eigentlich nur parken, wer in einem der vier Märkte einkaufen möchte.

Gaildorf

Das Gros der Parker hat’s lange Zeit ignoriert – bis die Geduld der Eigentümer erschöpft war: Seit Mitte vergangenen Jahres wird auf dem Gelände zwischen Karl- und Schillerstraße der „ruhende Verkehr“ kontrolliert – per Flugblatt angekündigt. Fälschlicherweise war damals die Stadtverwaltung als vermeintliche Urheberin der angedrohten Sanktionen in die Kritik geraten. Ein klärendes Wort von Bürgermeister Frank Zimmermann und die Aufschreie verstummten. Nach Herzenslust „unbefugt“ geparkt wird aber weiterhin.

Ähnlich die Situation am Rand des Schulzentrums im Schlosspark, wo „Eltern-Taxis“ ungeniert in der angrenzenden Wohnsiedlung für Unruhe sorgen. Anwohner klagen über zu schnelles Fahren, zugeparkte Einfahrten und dergleichen mehr. Mit verstärkten Kontrollen – wie vor wenigen Tagen geschehen – will das städtische Ordnungsamt im Verein mit der Polizei Abhilfe schaffen. Öffentliche Appelle, das Hallengelände oder die Kocherwiese anzusteuern, fruchteten bislang nicht.

Ungetrübtes Parkvergnügen

Obwohl die Stadt – außer in der Tiefgarage unter der ehemaligen Stadtschule – keinerlei Parkgebühren verlangt. An den Geldbeutel geht es Autofahrern lediglich dann, wenn sie gegen die Vorschriften der Kurzparkregelung in der Kernstadt verstoßen, also länger als 90 Minuten parken oder keine Parkscheibe verwenden.

Gaildorf

Wer sich nun keinen längeren Fußmarsch in der Innenstadt zumuten möchte, wählt seit Mitte des Jahres ein temporäres Ausweichquartier: Die geschotterten Flächen an der Ecke Grabenstraße/Ziegelrain, wo einige Häuser abgerissen wurden, gelten seit geraumer Zeit als Geheimtipp: Hier, mitten in der Kurzparkzone, genießen etliche Verkehrsteilnehmer ein ungetrübtes Parkvergnügen jenseits aller Kontrollen und Sanktionen, weil es sich um Privatgelände handelt, wie Rathaussprecher Dr. Daniel Kuhn auf Anfrage bemerkt. Aber spätestens mit Beginn der geplanten Bebauung wird damit Schluss sein.

Dass viele Bürger nach wie vor selbst kurze Entfernungen mit dem Auto zurücklegen und damit auch ein Stück weit zur täglichen Verkehrsbelastung der Innenstadt beitragen, hat übrigens Tradition, wie eine interessante Anekdote aus dem 19. Jahrhundert belegt, aus einer Zeit also, als noch niemand das Wort Parkplatz kannte. Graf Georg Friedrich Karl von Waldeck-Pyrmont (1785–1826), einst als Geheimer Rat in Diensten des württembergischen Königshauses, residierte damals im Alten Schloss. Und wie es sich für einen Standesherren geziemte, besuchte er eifrig die Gottesdienste in der nur wenige Meter entfernten Stadtkirche. Den Weg dorthin absolvierte der Graf jedoch nie zu Fuß.

Der bequeme Graf Waldeck

Dieses kleine Detail aus seiner Biografie ist der Tochter des damaligen Oberamtsarztes Justinus Kerner zu verdanken. In ihren 1877 veröffentlichten Erinnerungen schildert sie mit einem Augenzwinkern Details: „Obgleich das Schloss so nahe bei der Kirche war“, sei der adelige Kirchgänger stets mit der Kutsche über die Straße gefahren – und zwar so, „dass die vordern Pferde des Viergespanns an der Kirchentüre standen, wenn der Graf am Schloss seinen Wagen bestieg“.