Funken sprühen durch das Loch am Deckel des Schmelzofens. Dirk Pokoj hat die Anlage selbst konstruiert. Deren wichtigste Bestandteile sind ein Schmelztiegel, eine alte Honigschleuder und ein ausgedienter Raumventilator. Der dröhnt und sorgt dafür, dass durch Sauerstoffzufuhr die Hitze im Inneren der Höllenmaschine die 1000-Grad-Marke knackt.

Mit Spannung verfolgen Sarah Hünnefeld, Elisabeth Hoßbach, Lisa Dietzsch, Emely Moser und Luca Assenheimer jeden Handgriff des Gaildorfer Künstlers, der in der offenen Scheune neben seinem Domizil auf dem Kieselberg werkelt und bereitwillig Auskunft gibt. Die fünf jungen Leute vom Kunstleistungskurs KS2 am Schenk-von-Limpurg-Gymnasium sind an diesem Freitag – obwohl längst Schulschluss ist – mit ihrem Lehrer Peter Kaßelkus gekommen, um die Entstehung eines besonderen Kunstwerks mitzuverfolgen: das Gießen einer Bronzebüste, die dem legendären Chemiker und Gaildorfer Ehrenbürger Hermann Frasch (1851-1914) gewidmet werden soll.

Hermann Frasch: Ein Chemiker von Weltruf

Frasch, in Oberrot geboren und in Gaildorf aufgewachsen, wanderte mit 17 Jahren nach Amerika aus und arbeitete sich vom Apothekerlehrling zum Chemiker von Weltruf hoch. Er entwickelte Verfahren etwa zur Schwefelgewinnung oder zur Entschwefelung von Erdöl, machte Millionen und wurde bekannt als der „Schwefelkönig“ von Louisiana

Dirk Pokoj weiß um die Lebensgeschichte Fraschs. Zum vertiefenden Gedankenaustausch kommt es an dem Tag nicht. Denn jetzt will jeder Arbeitsschritt gut überlegt sein, herrscht knisternde Spannung. Immer wieder lupft der Künstler, die Hände in dicke Handschuhe gehüllt, den mit Dämmwolle gefütterten Deckel des Ofens. „Das reicht noch nicht“, sagt er und schüttet einen Eimer Koks in den Schlund.

Oberrot

Mit jedem Handgriff vertraut ist Pokojs Nachbar Norbert Böltz, der ihm assistiert. Der Religionslehrer hat den Atelierbesuch vermittelt. Er ist gespannt, wie sich der Guss entwickelt. Bronzereste vom Schrotthändler liegen bereit, ein Rohrstück etwa oder ein Zahn­rad-Fragment. Auch ein Krüg­le muss dran glauben.

Stück für Stück füttert Dirk Pokoj den Ofen mit dem Rohstoff. Es zischt und funkt. An der Farbe der Flammen erkennt er, wann der richtige Zeitpunkt gekommen ist. „Bei 1100 Grad kann ich gießen“, erklärt er. Norbert Böltz räumt letzte Hindernisse zwischen Feuerstelle und Gussform aus dem Weg und steht bereit. Ein letzter prüfender Blick. Pokoj bindet sich eine Lederschürze um und nickt. Es geht los.

Die fünf Zwölftklässler gehen sicherheitshalber auf Distanz. Mit einer großen Zange angeln Pokoj und Böltz den glühenden Tiegel mit der Schmelze aus dem Ofen. Mit einem dicken Löffel wird abgeschöpft, was in der Form nichts zu suchen hat, Schlacke etwa. Nun geht es zur Form. Vorsichtig kippen die Gießer die dampfende Suppe in die Öffnung.

Letzter Akt des Tages, der für Dirk Pokoj besonders anstrengend war. Die Vorbereitungen und der Bau der Gussform hatten ihn in der Nacht zuvor bereits in Beschlag genommen: Das Wachsmodell, das er anhand eines der wenigen von Frasch existierenden Fotos angefertigt hat, musste „einschamottiert“, feuerfest gemacht und bei 700 Grad behutsam ausgebrannt werden.

Zum Finale gibt’s Beifall

Bei der Anwendung dieses sogenannten Wachsausschmelzverfahrens, einer jahrtausendealten Technik, darf nichts dem Zufall überlassen werden. Denn die Form geht beim Guss verloren. Eine Korrektur ist nicht mehr möglich. Und offensichtlich auch nicht nötig: „Ich bin sehr zufrieden!“ Dirk Pokoj, stets mit einem gerüttelt Maß an Selbstkritik am Werk, wirkt erleichtert. Ein gutes Zeichen. Dass Haupt- und Barthaare nebst Augenbrauen durch die Gluthitze angesengt sind, kümmert ihn nicht. Dafür darf er etwas erleben, was nur wenigen bildenden Künstlern zur Vollendung eines Werks widerfährt: Sein knappes Schlusswort – „Das war’s!“ – quittieren die fünf kunstinteressierten jungen Leute und ihr Lehrer mit Beifall.

Nun muss der Guss ruhen. Ein zu frühes Öffnen könnte das Werk mindestens beschädigen. Dirk Pokoj, von einem doppelten Arbeitstag sichtlich gezeichnet, kann eine Nacht drüber schlafen.

Samstagmorgen auf dem Kieselberg: Mit Hammer, Bürste und bloßen Händen befreit der Künstler sein Werk vom Schamottkorsett. Und ist abermals zufrieden: „Was ich sehe, ist kein Fehlguss.“ Tatsächlich: Mit jedem Handgriff ähnelt die halbzentnerschwere Büste mehr dem Bild des Schwefelkönigs. Davon kann sich auch Kunstlehrer Peter Kaßelkus überzeugen. Er wollte sich diesen Moment nicht entgehen lassen.

Nun geht es in den nächsten Tagen im wahrsten Wortsinn an den Feinschliff. Wo der bronzene Hermann Frasch später einmal bewundert werden kann, ist noch nicht geklärt. Die Plastik ist keine Auftragsarbeit. Sie beruht schlicht auf einer Empfehlung an die Adresse des Künstlers, der schon Justinus Kerner verewigt hat: „Gieß doch auch mal den Frasch!“