Gaildorf/Heilbronn / Richard Färber  Uhr
Vor dem Heilbronner Landgericht wird gegen fünf Männer aus dem Drogenmilieu verhandelt, die am Kieselberg bei Gaildorf einen 21-Jährigen „Verräter“ schwer verletzt haben sollen. Die Anklage lautet auf versuchten Mord.

Am Landgericht in Heilbronn hat am Montag der Prozess gegen fünf junge Männer begonnen, denen versuchter Mord an einem 21-Jährigen vorgeworfen wird. Die Angeklagten sollen sich in Hall verabredet haben, um den 21-Jährigen als vermeintlichen Verräter zu bestrafen. Am Abend des 19. Januar schritten sie am Gaildorfer Kieselberg zur Tat.

Zwei der zwischen 21 und 32 Jahre alten Angeklagten sind in Nordrhein-Westfalen gemeldet, zwei in Fichtenberg, einer in Gschwend. Alle fünf sitzen in Untersuchungshaft. Verhandelt wird vor der Großen Jugendkammer mit drei Richtern und zwei Schöffen; den Vorsitz hat Richter Roland Kleinschroth. Die Anklage vertritt Staatsanwalt Harald Freyer. Das Opfer, das sich derzeit in einer Reha-Klinik befindet, tritt als Nebenkläger auf.

Der 21-Jährige wurde am späten Abend des 19. Januar an der B 19 unterhalb des Kieselbergs bei Gaildorf von Passanten gefunden. Die Außentemperatur betrug acht Grad minus, die Körpertemperatur des jungen Mannes war bereits auf 30 Grad abgesunken. Er war mit einem Messer einmal in die Brust und sieben Mal in den Rücken gestochen worden, außerdem hatte man ihm die Mundwinkel aufgeschlitzt.

Ein Mann erstickt am eigenen Blut, nachdem er bei einem Trinkgelage verprügelt wurde. Am Montag soll das Urteil gegen die mutmaßlichen Täter gesprochen werden.

Messer fügt dem 21-Jährigen elf Zentimeter tiefe Stiche zu

Zwei der Stiche reichten elf Zentimeter tief, sie hatten den Magen-Darm-Trakt und einen Teil der Lunge getroffen, der daraufhin in sich zusammenfiel. Die dritte Rippe war durchstochen, die achte Rippe quer gespalten, zudem war dem 21-Jährigen mit dem Messer so massiv auf den Schädel geschlagen worden, dass Knochenteile absplitterten. Mit diesen Verletzungen hatte er sich eineinhalb Kilometer weit durch die Kälte geschleppt. Im Krankenhaus konnte man dann sein Leben retten.

Der Anklageschrift zufolge hatten die Angeklagten bereits am 18. Januar in einer Haller Wohngemeinschaft darüber gesprochen, dass der angebliche Verräter eine Abreibung verdiene, und sich dann, wie es Staatsanwalt Freyer formuliert, regelrecht „radikalisiert“. Waffen kamen ins Spiel: ein 15 Zentimeter langes Messer mit Sägeklinge, ein Schlagring, ein Stock.

Zum Treffen an einem Einkaufsmarkt auf dem Reifenhof erschien am nächsten Tag dann auch das Opfer, besorgt und ängstlich, weil noch Schulden zu begleichen waren. Wegen seines angeblichen Verrats zur Rede gestellt, gab der 21-Jährige an, dass es nicht um Drogengeschäfte, sondern um einen Vergewaltiger gehe, woraufhin sich alle sechs in das Auto eines der Angeklagten setzten und in Richtung Hessental fuhren, um den Vergewaltiger zu jagen. Das Opfer, so Dreyer, habe allerdings die Waffen bemerkt und und einen Rückzieher gemacht. Die Angeklagten hätten zunächst verärgert reagiert, dann aber eine Fahrt nach Gaildorf vorgeschlagen, um eine „Friedensline“ zu ziehen, also gemeinsam Amphetamin zu schnupfen.

Opfer wurde verdächtigt, mit der Polizei kooperiert zu haben

Gestochen, geschlitzt und geschlagen haben soll ein 22-Jähriger, dabei fiel Freyer zufolge auch der Satz „mach keinen 31er“ – im Szenejargon steht der Begriff für jemanden, der mit der Polizei kooperiert. Ein 32-Jähriger soll das Opfer während der Attacke festgehalten und gesagt haben: „Das passiert mit Verrätern.“ Die anderen blieben nach den bisherigen Erkenntnissen in jeder Hinsicht unbeteiligt, unternahmen also auch nichts, um dem Opfer zu helfen. Auf der Kommunikationsplattform „Whatsapp“ wurde ein Messersymbol gepostet.

Der Beschuldigte soll im Bezirksklinikum Mainkofen eine Mitpatientin bedroht und gefangen gehalten haben. Ihm werden Geiselnahme und Widerstand gegen Vollstreckungsbeamte vorgeworfen.

Drei der Angeklagten wurden bereits psychiatrisch begutachtet, die beiden anderen erklärten sich gestern zu einer solchen „Exploration“ bereit. Ansonsten äußerten sie sich am Montag nicht, sie werden am 1. und 2. August gehört. Insgesamt sind 15 Verhandlungstage terminiert.

An der Tat gebe es nichts zu beschönigen, erklärte Richter Kleinschroth. Nur die Hilfe Dritter hätte das Schlimmste verhindert: „Ohne ärztliche Hilfe wäre es tödlich ausgegangen“. Denjenigen, die nicht unmittelbar mitwirkten, drohe deshalb immer noch eine Verurteilung wegen eines „versuchten Tötungsdeliktes durch Unterlassung“.

Angeklagter zieht Aussage zurück

Bei einigen der Angeklagten, so Kleinschroth, „scheint ein Prozess begonnen zu haben“, und einer nickt bereitwillig. In einem Fall aber sehe er „ein echtes Problem“: Der 27-Jährige hatte gegenüber der Polizei angegeben, dass er sich für die Tat schäme, seine Aussage dann aber zurückgezogen. Es gehe um „innere Tatsachen wie Reue, Einsicht, Unrechtsbewusstsein“, sagt Kleinschroth. Die „Reue“ zurückzunehmen, sei also vermutlich keine gute Entscheidung: „Ich würde mir das gut überlegen.“

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