Der Prozess vor dem Heilbronner Landgericht gegen fünf Angeklagte wegen versuchten Mordes ist mit Zeugenvernehmungen fortgesetzt worden. Blutüberströmt erreichte der 21-Jährige, der von fünf jungen Männern schwerstverletzt am Gaildorfer Kieselberg zurückgelassen wurde, am Abend des 19. Januar die B 19. Zwei Autos fuhren an ihm vorbei. Ein 50-jähriger Lehrer aus der Region hielt an. Zusammen mit seiner Frau und seiner Tochter schilderte er vor dem Heilbronner Landgericht nun die dramatischen Szenen jener Nacht. Im Gerichtssaal erleben alle Prozessbeteiligten die Aussage der hilfsbereiten Familie über eine Videoübertragung. Der 50-jährige Zeuge, seine 49-jährige Frau und die heute 18-jährige Tochter sitzen in einem anderem Raum des Landgerichts. Sie sind bis heute durch das Geschehen seelisch sehr belastet und wollen jeden Kontakt mit den beschuldigten Männern vermeiden.

Opfer war völlig entkräftet

Ihr Bild und ihre Sätze werden unmittelbar übertragen. Die fünf Angeklagten im Alter zwischen 21 und 32 Jahren, denen versuchter Mord vorgeworfen wird, nehmen die eindrucksvollen Schilderungen fast regungslos zur Kenntnis. Zum Zeitpunkt, als ihr völlig entkräftetes Opfer auf der Straße gerettet wurde, hatten sie sich längst auf den Heimweg gemacht. Keiner fuhr zurück zum Tatort im Wald oder rief die Polizei.

Gaildorf/Heilbronn

Die Familie befand sich am 19. Januar auf der Rückfahrt von einem Konzertbesuch in Untergröningen. „Auf Höhe des Freibads“, berichtet der Lehrer, der das Auto über die B 19 steuerte, „sah ich, wie ein Mensch auf die Straße getaumelt ist.“ Der 50-Jährige bremste und wendete. Er beschreibt den erschreckenden Anblick des jungen Mannes: „Das ganze Gesicht war rot von Blut!“ Aber der völlig Entkräftete habe sprechen können: „Bringt mich bitte ins Diak, die haben mich gestochen, die haben mich in den Mund gestochen!“ Er habe sich auf die Motorhaube legen können. „Wir hatten so Angst, dass er uns erfriert“, sagt die 49-jährige Frau des Lehrers, die als Zweite vernommen wird. „Das war eine ganz eiskalte Nacht!“ Die Tochter ergänzt: „Ich habe meine Winterjacke ausgezogen und ihm unter den Kopf gelegt.“ Sie habe später im Auto einen Heulkrampf erlitten.

Heilbronn/Gaildorf

Um vier Minuten vor 23 Uhr ging der Notruf der Familie bei der Rettungsleitstelle ein. Als acht Minuten später der Rettungswagen eintraf, hatte der Schwerstverletzte eine Körpertemperatur von knapp über 30 Grad, die Polizei maß wenig später eine Außentemperatur von minus neun Grad. Das Haller Diakoniekrankenhaus habe den 21-Jährigen zuerst nicht aufnehmen wollen, berichtet eine Notfallsanitäterin (31) – weil kein Intensivbett frei gewesen sei. Man habe ihn aber zum Glück doch dorthin bringen können. „Immens“ seien die Gesichtsverletzungen gewesen, sagt die Sanitäterin, sein Zustand sei „sehr kritisch“ gewesen. Vor Gericht werden Fotos gezeigt, die den blutverschmierten Kopf des jungen Mannes mit tief zerschnittenen Mundwinkeln zeigen, dazu schwere Schnittwunden am Körper. Die Bilder dieser Nacht haben den Lehrer, seine Frau und seine Tochter bis heute nicht losgelassen. Im Laufe ihrer Videovernehmung sagt die 49-jährige Zeugin: „Das war unfassbar schrecklich, was wir da erlebt haben.“ Bescheiden und fast bedauernd meint sie: „Wir haben ihn nur wärmen können!“ Richter Roland Kleinschroth stellt dagegen klar: „Ohne Ihren Einsatz hätte das Opfer wahrscheinlich nicht überlebt!“ Ausdrücklich dankt er der Familie. Die Verhandlung wird am Mittwoch fortgesetzt.

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