Im Prozess gegen fünf junge Männer, die am 19. Januar einen 21-Jährigen schwerstverletzt am Gaildorfer Kieselberg zurückgelassen haben, geht die Beweisaufnahme zu Ende.

Der Blutspur nach

Während das Opfer frisch operiert im Haller Diakoniekrankenhaus im künstlichen Koma lag, suchte die Polizei nach dem genauen Tatort. Mit einem speziell ausgebildeten Hund liefen die Ermittler die Straße von der B 19 aus nach oben. Sie ließen den Hund am Blut schnüffeln, das sich am Nordtor des Freibads befand. Blut war auch an einem abgestellten Wohnwagen und an den Fenstern der höher gelegenen Tennishalle. Hier hatte der völlig erschöpfte 21-Jährige angeklopft und vergeblich auf Hilfe gehofft.

Den genauen Tatort erfuhren die Beamten aber erst zwei Tage später, als sie den Fahrer des Renaults festgenommen hatten, mit dem der vermeintliche Verräter zum Kieselberg transportiert worden war. Der damals noch 20-jährige Fahrer zeigte ihnen die Spitzkehre, in der er am Tatabend mit seinem vollbesetzten Auto gewendet und angehalten hatte.

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„So weit oben hätt’ ich’s nicht vermutet“, sagt einer der ermittelnden Beamten (46) als Zeuge. 800 Meter (Fahrtstrecke) oberhalb des Freibads ließ das Quintett den 21-jährigen ehemaligen Freund in der eiskalten Nacht aussteigen. Der körperlich Größte der fünf Rächer, ein berufsloser 22-Jähriger, zog ein dolchartiges Messer und versetzte dem Wehrlosen acht Stiche, von denen mindestens zwei lebensgefährlich waren. Dazu schnitt er ihm mit der zweiseitig geschliffenen Klinge des Dolchs beide Mundwinkel auf, etwa vier Zentimeter lang. Ein solcher Schnitt führt zum sogenannten „Glasgow Smile“, eine grausame Entstellung, die sich Kriminelle für Verräter ausgedacht haben.

In der einsamen Kurve an der Kieselbergstraße fanden sich auch drei Tage nach der Tat noch Blutspuren im Schnee. Ob alle fünf Insassen des Autos die brutale Attacke in der Dunkelheit richtig eingeschätzt haben, ist fraglich. Nicht alle waren vermutlich direkte Augenzeugen. Aber selbst, wer im Auto saß, muss die Schreie des Opfers gehört haben.

Stich in den Kopf

Mit unbändigem Lebenswillen machte sich der ausgesetzte Schwerverletzte auf den Weg Richtung Bundesstraße: minus acht Grad, keine Straßenlaterne, kein Haus weit und breit. Er blutete stark; neben den Wunden am Mund hatte ihn ein Hieb mit dem Dolch am Kopf bis auf den Knochen getroffen. Mit Hilfe des Monds – es war fast Vollmond – und der Sterne schleppte er sich den mehr als eineinhalb Kilometer langen Weg nach unten. Kurz vor 23 Uhr wurde er, wie berichtet, von einer vorbeifahrenden Familie entdeckt.

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Messer „unglaublich scharf“

Dass er die Straße erreicht hat, ist für die vom Gericht beauftragte Rechtsmedizinerin Dr. Kirsten Marion Stein (52) eine enorme Leistung: „Er hätte allein durch die Unterkühlung sterben können!“ Durch T-Shirt, Flanellhemd und Winterjacke gingen die Stiche, die teilweise lebenswichtige innere Organe verletzten. Zudem wurde eine Rippe durchschnitten.

Stein: „Das Messer muss unglaublich scharf gewesen sein!“ Bei den nachfolgenden Operationen hätten sich immer wieder Infektionen im Bauchraum gebildet. Nur mit hohem Risiko könne man in den „verwachsenen“ Bauch hinein operieren, um den derzeitigen künstlichen Darmausgang des 21-Jährigen wieder zurückzuverlegen.

In ihrer fast 30-jährigen Berufspraxis, so Dr. Stein, habe sie aufgeschnittene Mundwinkel noch nicht erlebt. Sie ist sicher: Um diese Schnitte zu setzen, muss ein zweiter Täter das Opfer festgehalten, den Kopf „fixiert“ haben. Der Verdacht fällt auf den ältesten Angeklagten. Der 32-jährige Fichtenberger will aber nur helfend dazwischengegangen sein.

Am Ende ihrer Ausführungen befragt der Vorsitzende Richter Roland Kleinschroth die Gutachterin zur Brutalität der Tat: „In welcher Kategorie würden Sie es einstufen?“ Dr. Stein antwortet darauf ohne Zögern: „In der obersten!“

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