Im Heilbronner Landgerichtsprozess um den versuchten Mord beim Gaildorfer Kieselberg hat Oberstaatsanwalt Harald Freyer für jeden der fünf Angeklagten eine lebenslange Freiheitsstrafe gefordert. Die Verteidiger beantragten mildere Strafen.

In seinem fast zweistündigen Plädoyer schilderte Freyer noch einmal die verhängnisvollen Verabredungen, die der Messerattacke auf dem Kieselberg vorangingen. Wie berichtet, sollte das 21-jährige Opfer als „Verräter“ bestraft werden. Der junge Mann mit portugiesischen Wurzeln hatte sich Anfang Januar tatsächlich bei der Haller Polizei gemeldet. Zu einer regulären Aussage gegen seine deutschen Bekannten aus der regionalen Drogenszene war es aber nicht gekommen.

Gaildorf/Heilbronn

Initiator hatte sich ein „Team“ zusammengesucht

Bei einem dieser Bekannten aus Schwäbisch Haller Kifferkreisen hatte er zudem Schulden. Dieser Mann (23) ist jetzt der erste Angeklagte. Er war der Initiator der Bestrafungsaktion. Zu diesem Zweck suchte er sich, wie Opferanwalt Nikolaos Sakellariou formuliert, sein „Team“ zusammen. In erster Linie baute er auf einen langjährigen Freund, der in Euskirchen wohnte. Kurz vor dem Tattag, dem 19. Januar, reiste der etwas jüngere Freund aus dem Rheinland an. Mit im Boot der Rächer waren zwei Männer aus Fichtenberg. Um den Plan auszuführen, brauchten sie aber ein Auto. Der jüngere Fichtenberger (27) heuerte deswegen einen Arbeitskollegen aus Gschwend an. Auf diese Weise stieß der jüngste der fünf Angeklagten, ein heute 21-jähriger Fachlagerist, zu den vier anderen. Er fuhr einen Renault Kombi.

Als man mit dem Opfer zu sechst in der eisigen Tatnacht weit oberhalb des Gaildorfer Freibads angehalten hatte und ausgestiegen war, stach der heute 22-jährige Euskirchener dem vermeintlichen Verräter mit einem Messer in den Rücken und später von vorne in den Bauchraum. Er schnitt ein Stück Kopfhaut ab und beide Mundwinkel vier Zentimeter tief ein. Das extrem scharfe Messer, einem Dolch ähnlich, hatte er vor Weihnachten von seinem Haller Freund, dem Initiator der Vergeltungsaktion, geschenkt bekommen. Der Älteste des Quintetts, ein 32-jähriger Fichtenberger, hielt laut Anklage dem Opfer den Kopf fest. Als dieser Mann mit blutenden Händen zum Renault zurückkam, soll er beim Einsteigen gesagt haben: „Vorsicht, ich safte!“ Blutig war auch die Kleidung des Euskircheners. Er verbrannte sie in derselben Nacht auf einem Güterwagen am Fichtenberger Bahnhof.

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Staatsanwalt will nicht von „lebenslänglich“ abrücken

Auf dem Handy des Messerstechers wurden kinderpornografische Dateien und schreckliche Gewaltvideos gefunden, darunter IS-Videos. An Grausamkeit sollen die aufgefundenen Gewaltvideos sogar die IS-Filme noch übertroffen haben. Als die erschütternden Videos im Gerichtssaal gezeigt wurden, war die Öffentlichkeit ausgeschlossen.

Obwohl es sich bei dem Kieselberg-Drama nicht um vollendeten Mord, sondern um einen Mordversuch handelt, sieht Oberstaatsanwalt Freyer keinen Grund, von der Strafe „lebenslänglich“ abzusehen. Nur ganz knapp habe das Opfer überlebt. Freyer glaubt auch nicht, dass die Angeklagten so viel getrunken und Drogen konsumiert hätten, dass sie „vermindert schuldfähig“ gewesen wären. Nicht nur der Messerstecher selbst sei Täter des Mordversuchs, sondern alle fünf Angeklagten: „Jeder wollte die Tat als seine eigene“, so Freyer.

Die Verteidiger sehen das anders. Sie beantragten jeweils eine sogenannte „zeitige“ Haftstrafe. Sie sehen Milderungsgründe und halten sich dabei an den Weinsberger Psychiater Dr. Thomas Heinrich (57). In seinem Gutachten hatte Heinrich für alle außer dem Fahrer eine gewisse Berauschung und damit „verminderte Schuldfähigkeit“ nicht ausgeschlossen. Die beiden Anwälte des nüchtern gebliebenen Fahrers und des Fichtenbergers, der ihn anheuerte, sehen bei ihren Mandanten keinen Mordversuch, sondern nur gefährliche und schwere Körperverletzung. Sie meinen, man solle nicht alle Angeklagten über einen Kamm scheren.

Kaum vorbelastet

Erheblich vorbestraft ist nur der 32-jährige Älteste des Quintetts. Er hat auch schon im Gefängnis gesessen. Die anderen sind strafrechtlich kaum vorbelastet. Der heute 21-jährige Fahrer hofft, noch nach Jugendrecht verurteilt zu werden.

Richter Roland Kleinschroth will das Urteil am kommenden Mittwoch, 23. Oktober, um 10 Uhr verkünden. Weil der Fall „viele Punkte habe“, sei es hier mit einer einstündigen Urteilsbegründung, wie in anderen Fällen, nicht getan. Kleinschroth: „Rechnen Sie den ganzen Vormittag mit ein!“

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