Mit seinen 60 Jahren hat der beschuldigte Betriebswirt aus Gaildorf schon viele berufliche Erfahrungen hinter sich. Zuletzt hat er seine Fühler nach Italien ausgestreckt. Weil er dort nach eigenen Angaben ein Probe-Arbeitsverhältnis einging, verzögerte sich der Betrugsprozess gegen ihn vor dem Haller Amtsgericht um Monate. Jetzt ist er in legerer Kleidung pünktlich im Haller Gerichtssaal erschienen.

Gutachter eingeschaltet

Eines ist von vornherein klar: Den Vorwurf, einen Aufbruch an seinem Auto vorgetäuscht zu haben, um Schadensersatz von seiner Versicherung zu kassieren, wird er nicht zugeben. Für die Kfz-Versicherung, die er laut Anklage betrügen wollte, hat der gelernte Betriebswirt jahrelang als „Vertrauensmann“ gearbeitet.

Im August 2017 meldete er schriftlich einen Diebstahl aus seinem Audi 80 Cabrio, Jahrgang 1999, mit dem Satz: „Unbekannte sind durch die hintere Heckscheibe ins Auto eingebrochen.“ Aus dem Auto seien zwei Sonnenbrillen, das Navigationsgerät und der Inhalt des Handschuhfachs gestohlen worden. Vor allem seien die Ledersitze aufgeschlitzt worden. Er schätze den gesamten Schaden auf circa 2000 bis 3000 Euro.

Das Versicherungsunternehmen beauftragte daraufhin einen Sachverständigen der DEKRA. Das Ergebnis: Der Haller Gutachter stellte bei seiner Besichtigung des Cabrios keine Spuren eines Einbruchs fest. Er sah lediglich deutliche Spuren von „Verschleiß“.

Zwei Jahre später wiederholt der DEKRA-Sachverständige (42) jetzt vor dem Amtsgericht seine Einschätzung: „Ich konnte an dem Heckdeckel keinen Schaden feststellen.“ Die „schwärzlichen Verfärbungen“ an den Ledersitzen seien schon älter gewesen. Der Angeklagte bezweifelt die Kompetenz des Gutachters: „Sie haben gar keine Ausbildung als Forensiker!“ Zusammen mit seinem Anwalt Tobias Mayer (Ellwangen) fordert er die Einholung eines kriminaltechnischen Gutachtens. Richter Jens Brunkhorst lehnt diesen Antrag ab. Gegen den Angeklagten spricht: Bei seiner Schadensmeldung hat er nicht die Polizei benachrichtigt, sondern nur die Versicherung. Als Kilometerstand hat er 140.000 angegeben, in Wirklichkeit hatte das Fahrzeug fast 200.000 Kilometer auf dem Tacho.

„Wust von Täuschungen“

Vor Gericht begründet er die falsche Angabe als bloßen Irrtum: „Ich war zu faul, um rauszugehen!“ Der 60-Jährige hatte früher ein Wirtschaftsberatungsbüro betrieben. Er hatte sich zwischenzeitlich den Titel „Prof. Dr. h. c.“ zugelegt – dank eines entsprechenden Einkaufs im Internet. 2013 wurde er wegen Steuerhinterziehung zu einer einjährigen Bewährungsstrafe verurteilt.

Staatsanwältin Katharina Steinmeyer sieht beim Angeklagten eine klare Betrugsabsicht und spricht von einem „Wust von Täuschungen“. Verteidiger Mayer fordert dagegen einen Freispruch: „Man kann sich nicht auf einen DEKRA-Gutachter verlassen!“

In seinem Schlusswort ereifert sich der Angeklagte: „Ich find’s schon fast unverschämt, was man mit mir macht!“ Nach dreistündiger Verhandlung verurteilt ihn Richter Brunkhorst wegen versuchten Betrugs zu einer Geldstrafe von 100 Tagessätzen. Weil der Betriebswirt zurzeit von Arbeitslosengeld lebt, setzt Brunkhorst pro Tagessatz nur 20 Euro an (Geldstrafe: 2000 Euro). Brunkhorst gewährt ihm Ratenzahlung. Empört weist der Mann dieses Ansinnen zurück: „Wir gehen in Berufung!“

Das könnte dich auch interessieren: