Alles sei schon gesagt, die Vergangenheit aufgearbeitet. So sieht es ein Teil der Bevölkerung im Limpurger Land. Viele andere wiederum wissen mit Blick auf ihre jeweilige Familienchronik: Was über die Zeit des Nationalsozialismus überliefert und dokumentiert ist, über den Zweiten Weltkrieg und das Leiden der Menschen in dieser Zeit, ist nicht mehr als die Spitze des Eisbergs. Daran wird sich auch in diesem Jahr, wenn dem Kriegsende anno 1945 gedacht wird, nichts Wesentliches ändern.

Reportagen und Serien versuchen, Licht ins Dunkel zu bringen

Die Chancen, mehr Licht ins Dunkel eines der düstersten Kapitel deutscher Geschichte zu bringen, schwinden zusehends. Die Stimmen vieler Zeitzeugen sind verstummt. Nur noch wenige Überlebende können mit ihren Erinnerungen an die Zeit zwischen 1933 und 1945, in der auch in und um Gaildorf ungezählte Menschen mit Not und Elend konfrontiert waren oder den Tod fanden, einen Beitrag gegen das Vergessen leisten.

Diesem Kapitel Zeitgeschichte widmet sich unsere Zeitung seit vielen Jahren, nicht nur an besonderen Jahrestagen. Mit umfangreichen Reportagen und Serien versuchen Redakteure, die Ereignisse und ihre Auswirkungen nachzuzeichnen und für die Heimatforschung zu erhalten. Die bislang umfangreichste Arbeit leistete 1995 der Journalist Klaus Rieder. Das Ergebnis seiner Spurensuche zum Thema „50 Jahre Kriegsende“ wurde damals von der Landeszentrale für politische Bildung gewürdigt.

Erster Bolzplatz in Gaildorf König Fußball löst Väterchen Frost ab

Gaildorf

Weitere Serien folgten, zuletzt 2015. Diese Projekte gerieten immer mehr zum schwierigen Unterfangen, zumal sich während der Recherchen auch Ungereimtheiten in früheren, teilweise verklärten Darstellungen offenbarten. Zentrale Fragen blieben ungeklärt. Etwa rund um die Verteidigung Gaildorfs in den Wirren der letzten Kriegstage, die die Stadt an den Rand der völligen Zerstörung brachte. Dass es nicht so weit gekommen ist, sei dem am 21. April 1945 bei Hohenberg wegen „Fahnenflucht“ erschossenen Leutnant Alfred Scheffler zu verdanken, lautet eine der Vermutungen, die in jüngster Zeit oft zu hören ist. Um letztlich Klarheit zu bekommen, müssen die in den Nachkriegsjahren geführten Ermittlungsakten wieder geöffnet und herangezogen werden.

Ähnlich nebulös sind die Erkenntnisse im Zusammenhang mit dem gewaltsamen Tod des Bildhauers Ferdinand Konzelmann Anfang Mai 1945. Bis heute ist nicht bekannt, wer den Künstler umgebracht hat. Die Ermittlungen gegen einen Tatverdächtigen wurden eingestellt.

Viele NS-Opfer und Täter sind in Vergessenheit geraten

Doch es gab neben diesen prominenten Beispielen viele weitere Fälle von Totschlag oder gar Mord, die einer Klärung bedürfen. Die Opfer: oftmals einfache Bürger, die in die Mühlen der verbrecherischen Nazi-Justiz geraten sind. Vereinzelt wurden diese Schicksale zwar aktenkundig, im Zuge der bisweilen halbherzigen Entnazifizierung kamen die mutmaßlichen Täter und deren Helfershelfer – von denen nicht wenige selber zu Opfern wurden – meist ungeschoren davon.

Solche Taten „ruhen“ zu lassen, wie es Politiker am rechten Rand des Parteienspektrums regelmäßig fordern, widerspricht geltendem Recht. Denn Mord verjährt nicht, auch nicht die Beihilfe dazu. Und „es ist unsere historische Verantwortung und Pflicht, von den letzten noch lebenden Tätern die Wahrheit über das Vernichtungsgeschehen zu erfahren und eine Entschuldigung zu hören“. Mit diesen Worten brachte Kriminalhauptkommissar Martin Bohn aus Gaildorf vor einem Jahr im Interview mit dem Magazin „Innenansicht“ die moralische Komponente auf den Punkt.

Bohn hatte bis zu seiner Pensionierung im vergangenen Sommer innerhalb des Landeskriminalamts an der Aufklärung von NS-Gewaltverbrechen mitgewirkt. Und er sieht zur Aufarbeitung der Ereignisse während der Nazi-Zeit keine Alternative: „Wir müssen an das historische Geschehen erinnern und die heutigen Generationen vor der Gefahr der Verfolgung von Menschen aus politischen, religiösen oder rassistischen Gründen warnen.“

Info


Mit Blick auf den 8. Mai, an dem sich das Endes des Zweiten Weltkriegs und des Nazi-Regimes zum 75. Mal jährt, veröffentlicht unsere Zeitung in loser Folge Reportagen und Hintergründe zum Thema. Leserinnen und Leser, die Erinnerungen an diese Zeit haben oder Foto- und andere Dokumente besitzen, sind eingeladen, sich an dem Projekt zu beteiligen.