Gaildorf / Klaus Michael Oßwald  Uhr
Zwischen Enttäuschung und Erleichterung nach dem Urnengang: Sprecher der Fraktionen im Gaildorfer Gemeinderat ziehen Wahlbilanz. Am Mittwochabend tagt das alte Gremium zum letzten Mal.

Man hätte, sollte, könnte – solche konjunktivischen Formulierungen fallen nicht innerhalb der Fraktionen, die ihr Abschneiden bei den Wahlen zum Gemeinderat der Stadt Gaildorf analysieren. Das unterscheidet die Manöverkritik der ehrenamtlichen Kommunalpolitiker von den „Elefantenrunden“ nach Bundes- oder Landtagswahlen. Und Zeit zum Jubeln oder Wunden­lecken haben die Stadträte ohnehin nicht. Es geht gleich weiter mit der Arbeit. Bereits am Mittwochabend ist der Gemeinderat wieder am Werk. Und zwar in seiner bisherigen Zusammensetzung – und damit „geschäftsführend“. Denn die Legislaturperiode ist den Buchstaben des Gesetzes zufolge mit dem Wahltag, also dem 26. Mai, zu Ende gegangen. Die konstituierende Sitzung des neuen Gremiums ist am 3. Juli.

Gewinne und Verluste für die Fraktionen

Dann wird die Freie Wählervereinigung (FWV) um einen Sitz stärker präsent sein und damit acht Ratsmitglieder zählen. Insgesamt konnte die Liste gegenüber der Wahl 2014 von 34,94 auf 38,24 Prozent ordentlich zulegen. Zweiter Gewinner und nun zweitstärkste Kraft im Stadtparlament ist die Fraktion SPD/Aktive Bürger mit leichtem Zuwachs von 26,19 auf 26,97 Prozent. Die CDU verschlechterte sich von 26,44 auf 25,20 Prozent. Beide Listen werden weiterhin mit jeweils sechs Stadträten arbeiten können.

Bürgermeister Frank Zimmermann muss bei der Kreistagswahl in den Teilorten anderen Kandidaten den Vortritt lassen.

CDU nur die Nummer drei

Der eigentliche Wahlverlierer ist die Offene Liste (OL). Deren Ergebnis sank von 12,43 auf 9,59 Prozent. Sie büßt einen Sitz ein und damit – weil sie nur noch zwei Stadträte zählt – den erst 2014 errungenen Fraktionsstatus. Bernhard Geißler, bisheriger Fraktionsvorsitzender, stand wegen ­eines Auslandsaufenthalts der Redaktion nicht für eine Manöverkritik zur Verfügung.

Ein wenig enttäuscht äußert sich CDU-Fraktionschef Matthias Rebel: Mit einer „stark verjüngten und hoch motivierten Kandidatenschar“ sei man „hoffnungsfroh“ in den Wahlkampf gezogen und habe am Ende insgesamt mehr Stimmen als 2014 verbuchen können. Dennoch landeten die Christdemokraten nur auf dem dritten Platz. „Das Füllhorn mit den Stimmen der höheren Wahlbeteiligung“, analysiert Rebel, „wurde fast vollständig über der Freien Wählervereinigung ausgeschüttet, der man zu diesem fulminanten Erfolg gratulieren muss.“ Offensichtlich hätten es viele Menschen „mehr denn je als Manko empfunden, dass Kandidatinnen und Kandidaten unter der Flagge einer Regierungspartei antreten“. Nun gelte es, „die Menschen davon zu überzeugen, dass die Sitzungskultur von Parteigruppierungen und deren Netzwerk profitiert, wenn wie in Gaildorf Sachpolitik und nicht Parteipolitik betrieben“ werde. „Leider haben die Wähler auch bestimmt, dass sich in unseren Reihen keine Frau mehr befinden soll. Aber wir freuen uns sehr, dass mit Christian Niebel und Matteo Hemminger die jüngere Generation zumindest in unserer Fraktion vertreten sein wird.“ So weit Matthias Rebel.

Europa- und Bundestagswahl CDU überall in Gaildorf vorne

Die Ergebnisse der Europawahl 2019 und der Bundestagswahl 2017 im Vergleich.

SPD: Höchste Frauenquote

„Fast nur positive Aspekte“ nennt Martin Frey für die Liste SPD/Aktive Bürger in Vertretung der verhinderten Fraktionschefin Margarete John in einer ersten Stellungnahme. Er meint damit die gestiegene Wahlbeteiligung und die zweithöchste Gesamtstimmenzahl für die Liste und Rang zwei vor dem „ewigen Konkurrenten“ CDU. „Schade, dass es nicht zu einem siebten Mandat gereicht hat“, so Frey. Deshalb werde das Ausscheiden des Kollegen Axel Spix bedauert und mit einem weinenden Auge gesehen. Dafür erhöhe die neu gewählte Silke Manderscheid den Frauenanteil der SPD-Fraktion noch weiter. Im Klartext: Vier der sechs Ratsmitglieder sind weiblich.

FWV betont Bürgernähe

In dem guten Ergebnis, das die Wahl den Freien Wählern beschert hat, „sehen wir eine Anerkennung unserer bisherigen Arbeit und ein großes uns entgegengebrachtes Vertrauen für die Zukunft“, freut sich Heinrich Reh, dienstältester Stadtrat und Fraktionschef. Die FWV habe wieder Vertreter aus allen vier Stadtteilen in ihrer Fraktion und könne damit ihrem Anspruch der Bürgernähe „besonders gut gerecht werden“.

Die bei ihrer Wahlveranstaltung genannten Wahlziele – „größte Fraktion bleiben, in allen Stadtbezirken vertreten sein, mindestens eine Frau in der Fraktion“ – seien erreicht worden. Dafür dankt Reh allen Wählern: „Das in uns gesetzte Vertrauen ist uns Ansporn, die Zukunft Gaildorfs mit neuem Schwung anzugehen.“ Dabei setze die FWV „für die notwendigen Mehrheiten auf eine weiterhin gedeihliche Zusammenarbeit mit den anderen Fraktionen“.

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