Bitterkalt ist es im Januar vor 135 Jahren im Limpurger Land. Väterchen Frost lässt den Kocher in Gaildorf erstarren. Durch die starke Strömung unter der gefrorenen Wasseroberfläche kommt es hier und dort zu Verwerfungen. Zum Leidwesen des damaligen Eisklubs: Durch kleinere wie größere Eisblöcke, die sich übereinander schieben, ist das Schlittschuhlaufen nicht möglich.

Der See wird zum Festplatz

Anders die Situation auf dem kleinen Zimmersee vor den Toren der Stadt – heute der Bereich zwischen See-, Silcher- und Mozartstraße. Das alte Fischgewässer böte ideale Voraussetzungen: mit einer dicken, spiegelglatten Eisfläche. Schnell macht an den Stammtischen eine Schnapsidee die Runde. Um diese in die Tat umzusetzen, bräuchte es nur noch die Zustimmung des Eigentümers. Die lässt nicht lange auf sich warten: Die gräfliche Familie von Bentinck willigt „gütigst“ ein, und am 29. Januar 1885 wird mit dem ersten „Eisfest auf der Seewiese“ kräftig gefeiert.

Der Graf lässt kicken

Das ist der Beginn einer kleinen wintersportlichen Tradition, die allerdings von überschaubarer Dauer sein wird. Die jährlichen Veranstaltungen des Eisklubs, die sich im Lauf der Zeit zu wahren Volksfesten entwickeln sollten, werden mit Beginn des Ersten Weltkriegs anno 1914 an Bedeutung verlieren. Nach Kriegsende ist das Interesse auf dem Nullpunkt angelangt. Vergessen scheint die flammende Rede des hiesigen Gerichtsschreibers Horsch zum Eisfest im Jahr 1901, mit der er den Segen des Eissports für die Gesundheitspflege hervorgehoben hatte.

Doch der See ruht fortan nicht still. Bald, schon 1920, löst eine neue, damals im Limpurger Land noch absolut unpopuläre  Sportart das Eislaufen ab: das Kicken mit einem gasgefüllten Ball. Doch bis Väterchen Frost in der „Seestadt“ König Fußball Platz macht, sind noch einige Hürden zu nehmen. Die höchste: die Gründung eines Vereins, weil sich die bereits seit 1848 existierende Männerturngemeinde dem Fußball nicht öffnen will. Und so wird am 19. September 1920 der Sportverein Gaildorf aus der Taufe gehoben (der ab 1926 als Turn- und Sportverein firmiert und sich 1936 mit der bisherigen Männerturngemeinde zusammenschließt).

Die ersten „Fußballwettspiele“ werden noch auf der herrschaftlichen Rennwiese an der Kocherbrücke in der Schloss-Straße ausgetragen. Graf Gottfried von Pückler-Limpurg wird durch das Überlassen des Geländes zum ersten Sponsor der Fußballer.

Der VfB kommt zur Einweihung

Diese sollen ein Jahr später ein festes (und doch auch vorübergehendes) Domizil bekommen, erneut unter gräflicher Obhut: Graf Wilhelm Friedrich Karl Heinrich von Bentinck und Waldeck-Limpurg verpachtet ihnen das Seegelände mit seinen 7570 Quadratmetern. In mühevoller Handarbeit legen die Vereinsmitglieder das Gewässer trocken und schaffen einen Sportplatz. Zur Einweihung am 26. Juni 1921 bestreiten der VfB Stuttgart und der Sportverein Hall ein „Propagandaspiel“ – auf dem See, der keiner mehr ist.

Im Jahr 1933 kauft der Verein den Platz, muss diesen dann aber bereits im Januar 1942 an die Stadt veräußern, die das Areal für „Siedlungszwecke“ benötigt. Im Gegenzug gibt die Stadt die von den Fußballern schon früher ins Auge gefasste Bleichwiese als Sportplatz frei – wo heute noch gekickt wird.

Info


Über die Anfangsjahre des Fußballsports in Gaildorf hat der langjährige Bürgermeister, Heimatforscher und Ehrenbürger Hans König zum „Tag des Sports“ am 25. Juni 1995 einen Vortrag gehalten und diesen als Broschüre veröffentlicht. Diese Geschichte bildet die historische Grundlage für das Jubiläum, das der TSV Gaildorf in diesem Jahr feiern darf: 100 Jahre Fußball in der Stadt.

„Wie auch die frischen Bratwürste gar verlockend die Gaumen kitzelten“


Der Bericht im Kocherboten über das erste Eisfest in Gaildorf am 29. Januar 1885: „Das Eisfest auf dem Seewiesenteich verlief sehr gelungen. Am Eingang der schönen Eisbahn war eine stattliche Pforte von Eisblöcken pyramidal errichtet (...) Um halb 5 Uhr kündeten kräftige Böllerschüsse den Beginn des Festes an, und bald bewegte sich nach den Klängen der Stadtkapelle eine hübsche Zahl Schlittschuhfahrender auf der schönen Fläche. Mit eintretender Dunkelheit flammten rings um den See Dutzende von Pechflammen auf, und die Eispforte nahm sich prächtig aus durch ihre Illumination von rund 200 Flämmchen, die den Kristallbau magisch beleuchteten. Etwa 20 schlittschuhfahrende Paare gruppierten sich mit ihren Lampions zu einer Polonaise (...) Wirt Conradt hatte eine Bude aufgeschlagen und sorgte für die leibliche Erquickung durch Wein, Glühwein, Punsch und Grog, wie auch die frischen Bratwürste gar verlockend die Gaumen kitzelten und befriedigten, während Konditor Markert mit Berliner Pfannkuchen (...) aufwartete.“