Karina und Heinrich Alt blicken auf ein Eheleben, wie man es in einem Roman vermuten würde. Durch einen Zufall haben sich vor mehr als sechs Jahrzehnten zwei so unterschiedliche Menschen gefunden. Karin, aufgewachsen in gut bürgerlicher Familie, ging in Berlin zur Schule, lernte Technische Zeichnerin und studierte nebenher Gesang. Heinrich, ein Artistenkind, stammt ebenfalls aus Berlin, hatte es aber nicht so einfach. Er musste schon sehr jung anfangen zu trainieren. Mit zehn Jahren arbeitete er mit seinem Vater als Handakrobat. Er war ständig auf Reisen und konnte nur selten eine Schule besuchen.

Eines Tages war Karin bei Bekannten zum Kaffee eingeladen. Man bat sie anschließend, für die Gäste etwas zu singen. Sie hatte jedoch keine Lust, ohne Begleitung loszusingen. Man war in einem großen Mietshaus, und die Gastgeberin hatte eine Idee: „In der Nachbarwohnung gibt es einen jungen Mann, der spielt mehrere Instrumente, unter anderem Akkordeon. Der könnte dich doch begleiten“, schlug sie vor. Jener junge Mann war tatsächlich zu Hause und auch bereit zu spielen. Er besaß auch ein paar Operettennoten, und so sangen und spielten beide zusammen. Im Spaß meinten die Gäste anschließend, den „schüchternen jungen Mann“ könne Karina nicht dazu bringen, ihr ein Küsschen zu geben. Doch sie schaffte es – damit begann das große Abenteuer und die Liebe fürs Leben.

Heinrich war auf Tour mit dem Zirkus, Karina wartete

Die Eltern waren entsetzt. Die einen, weil Karin keine Artistin war, die anderen, weil sie nicht einen solchen „Zigeuner“ wollten, wie sie damals sagten. Aber die beiden waren unzertrennlich. Nach einem Jahr war dann auch ein Kind unterwegs. Heinrich ging im Sommer 1960 auf Tour mit dem Zirkus, Karin reiste fast jedes Wochenende und in ihrem Urlaub hinterher. Am 8. Juni heirateten die beiden dann heimlich – es sollte niemand etwas merken, weil man ja nicht das Geld hatte, um den ganzen Zirkus einzuladen. Am nächsten Morgen fuhr Karina wieder zurück nach Berlin, denn auch sie musste wieder zur Arbeit.

Am folgenden Wochenende feierte Karin ihre Hochzeit mit ihrer Familie ohne den Ehemann. Im November kam dann Sohn Henrik zu Welt. Sie hatten noch keine eigene Wohnung und lebte noch einige Zeit bei Karinas Eltern, die ein eigenes Haus hatten.
Die nächste Zirkussaison trennte die beiden für ein halbes Jahr, denn es ging nach Schweden. In dieser Zeit wurde auch die Berliner Mauer gebaut; das Ehepaar wohnte in Ost-Berlin. Als die Saison um war, fing Karina an zu üben und zu trainieren, denn sie wollte nicht immer allein zu Hause sitzen und warten. So stand sie am 1. Oktober 1961 das erste Mal auf einer großen Varietébühne – vorerst als Assistentin. Schließlich wurde sie auch Artistin. Die beiden hatten inzwischen eine kleine Wohnung in der Stadt gefunden und sich gemütlich eingerichtet.

Karina steigt in die Zirkusbranche ein

Die nächste Zirkussaison 1962 ging für zehn Monate nach Polen. Karina konnte bei der Motorradattraktion mitarbeiten. Ins westliche Ausland durfte man vorläufig nicht mehr. Also folgte 1963 eine Saison bei einem ostdeutschen Privatzirkus. Dann kam ein Angebot vom Staatszirkus der DDR. Wenn der Apparat vergrößert würde, könnte man einen Vertrag für zwei Jahre bekommen. Die Zirkusleute waren einverstanden. Es wurde also fleißig gebaut und trainiert. 1964 war das Projekt gelungen: „Die „Henriks Luft-Motorrad-Sensation“ war fertig und ein Riesenerfolg.

Die staatliche Artistenschule versuchte schließlich, eine ähnliche Nummer aufzubauen, was aber misslang. Der staatliche Künstlerdienst hinderte die Zirkusfamilie daran, neue Verträge abzuschließen, denn man wollte Heinrichs Vater als Lehrer an der Artistenschule haben – und den Apparat möglichst dazu. Doch dann kam die Erlaubnis, wieder ins westliche Ausland reisen zu dürfen. Es folgte ein Engagement für eine Zirkussaison in Schweden. An deren Ende beschlossen die Eheleute, nicht mehr in die DDR zurückzukehren. Ihr Sohn hätte in diesem Jahr eingeschult werden solle. „Wir wollten nicht, dass er kommunistisch erzogen wird“, erzählt Karina Alt.
Dann kam der große Umbruch. Im Westen herrschte eine große Konjunkturflaute. Viele Zirkusse waren pleite oder konnten nicht zahlen. Die große Nummer wurde noch einmal 1967 in einer Großveranstaltung in Frankreich aufgeführt, dann war endgültig Schluss. Die Alts suchten sich Arbeit in der Industrie, Karina als Technische Zeichnerin, Heinrich als Schlosser und der Vater als Schreiner. Die Eheleute hatten sich aber in den Jahren zuvor eine Zweitdarbietung aufgebaut: „2 Heinos“, elegante Radbalancen, sodass man an den Wochenenden der Artistik treu bleiben konnte. Sie hatten inzwischen in Gaildorf eine neue Heimat gefunden und dort 1975 ein Haus gebaut. Nun besann man sich wieder auf die Musik, denn mit zwei Auftritten im Programm konnten sie mehr verdienen. Also wurde für einen Gesangsauftritt geprobt. Heinrich kaufte sich eine elektronische Orgel. Die Musikdarbietung wurde mehr und mehr gefragt, sodass beide die Artistik 1976 ganz aufgaben. Nun waren sie als „Karina und Heino Alt“ unterwegs und sehr beliebt in Stuttgart, Ludwigsburg und Umgebung. Später stieg dann auch der Sohn mit ein und man war nun gemeinsam als „Trio Altis“ fast jedes Wochenende auf Tour.
Am Donnerstagabend im Autokino Hechingen Das Zirkus-Musical „Greatest Showman“

Hechingen

1987 beschloss die Familie, das Gewerbe zu beenden. Sohn Henrik war mit seinem Studium fertig und wollte aufhören. Außerdem sagte Heinrich: „Das Finanzamt baut bloß an“, denn man hatte sehr viel Steuern zu zahlen. Karina wechselte auch die Firma, denn sie war gerade mit einem Fernstudium in Mess- und Regeltechnik fertig geworden. Nun arbeitete sie als Steuerungstechnikerin im Maschinenbau, und der Sohn fing in derselben Firma als Entwicklungsingenieur für Dosiersysteme an.

Die Liebe zur Musik ist dem Ehepaar geblieben

Die Musik blieb den beiden als Hobby erhalten. Karina und Heinrich widmeten sich der Kirchenmusik. So konnte man sie noch viele Jahre in der Kirche, bei Gottesdiensten und Feierlichkeiten in der Gemeinde hören. Als das Rentenalter nahte, kauften sich die beiden in Schweden ein Häuschen, denn während der letzten Zirkussaison hatten sie sich in dieses Land verliebt und dort seither viele Urlaube verbracht.

An ihrem 50. Hochzeitstag wurde die kirchliche Trauung nachgeholt – denn vorher war ja nie Zeit, wie sie schmunzelnd erzählen. Die diamantene Hochzeit wollen die beiden am Sonntag, 14. Juni, in der Kirche ihres ehemaligen Zirkuspfarrers im thüringischen Ebeleben feiern.
Um die Musik ist es ruhig geworden. Heinrich spielt noch Akkordeon beim Kaffeenachmittag in der Kirchengemeinde und man trifft sich ab und zu mit Freunden beim Musikantentreffen. Karina hat Probleme mit der Gesundheit, jedoch sind die beiden zuversichtlich und hoffen, dass noch ein paar ruhige und schöne Jahre folgen werden.

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