Bevor Siggi Karcher in seine (fast) unverwüstliche ärmellose Jeansjacke schlüpft und am Freitagabend von der Bühne im großen Zelt auf der Kocherwiese ein kräftiges „Hallo Gaildorf!“ ins Mikrofon posaunt, geht es hinter den Kulissen an den Feinschliff. Die Kulturschmiede will auch beim 26. Gaildorfer Bluesfest die essenziellen organisatorischen Dinge nicht dem Zufall überlassen.

Bluesfest wird komplett ehrenamtlich organisiert

Vieles, räumt denn auch der Veranstalter auf seiner Website ein, sei im Lauf der Jahre professioneller geworden, „der Charme der Improvisation aus Schlosshof- und Parkschulzeiten ist passé“. Und doch: Obwohl sich die Kulturschmiede mit Blick auf die Programmgestaltung hinter professionell agierenden Veranstaltern mit Hauptamtlichen nicht zu verstecken braucht, „ruht die Organisation beim Gaildorfer Bluesfest immer noch komplett in ehrenamtlichen Händen“. Hinter den Organisatoren stehe eine eingespielte Crew, „auf die man sich in den vergangenen Jahren immer verlassen konnte“.

Gaildorf

Das scheint den familiären Charme des mehrfach preisgekrönten Festivals auszumachen. Eine Mischung, die sich auch im Kreis derer herumgesprochen hat, die sich geradezu geehrt fühlen, mit ihrer Musik dem Ganzen die Krone aufzusetzen. Kai Strauss etwa, der am Samstag mit den Electric Blues Allstars den zweiten Abend eröffnen wird. Für den in Osnabrück aufgewachsenen Gitarristen und Sänger, den das Magazin „Bluesnews“ unlängst mit den Prädikaten „hochklassig und geradlinig“ bedachte, ist das Gaildorfer Festival „eines der Highlights in diesem Jahr“.

Gitarrist Guy King aus Chicago lässt unterdessen seine 5853 Facebook-Freunde wissen, dass er sich sehr auf Gaildorf freue.

Vorfreude auch bei Nico Duportal & The Sparks, Opener am Freitagabend: „Wir sind glücklich“, schreibt er, „auf dem Bluesfest Gaildorf zu spielen, einem der besten Bluesfestivals in Europa.“ Ein Prädikat, das einer der profiliertesten Blues-Gitarristen Frankreichs offensichtlich aus Überzeugung formuliert. Er kennt das Bluesfest zwar nur vom Hörensagen, dafür das blueshungrige Gaildorfer Publikum aus eigenem Erleben – durch sein viel beachtetes Konzert im Dezember vor zwei Jahren in der Häberlen-­Kulturkneipe.

Billy Branch ist zum fünften Mal dabei

Billy Branch, der am Freitag zu vorgerückter Stunde mit The Sons of Blues die Bühne betritt, muss das, was ihn erwartet, nicht näher erläutert werden. Seit 1995 gastiert der in Chicago geborene Harp-Virtuose und Sänger, der einst Politikwissenschaft studiert hat, zum inzwischen fünften Mal im Kochertal. Seine Fans gehen natürlich davon aus, dass er in dieser ersten Festival-Nacht auch Songs aus seinem neuen Album „Roots and Branches“ zum Besten geben wird, darunter Songs des unvergessenen Little Walter.

Mit Album-Premiere

Übrigens: Dieses Werk aus dem Hause Alligator Records kommt just an diesem Freitag auf den Markt. Zufall? Auf jeden Fall „Munition“ für Siggi Karcher, den Heidelberger Bluesfreak, dessen Ansagen seit Jahren fester Bestandteil des Programms sind. Der Mann, den viele zu den Kultfiguren des Festivals zählen, wird sich das Wochenende über wieder „wie im Wohnzimmer“ fühlen, „gut aufgehoben in Gaildorf“.

In der Stadt, die eigentlich nach wie vor zu Deutschland zählt und nicht, wie es das Tour-Poster von Hamilton Loomis vielleicht glauben machen will, zum UK, dem United Kingdom: Es werden die Termine der „2019 UK Tour“ bekannt gegeben – zwischen Edinburgh, Essex, Oxford oder Dereham: Gaildorf!

Viel wichtiger als diese kleine kuriose Fußnote des Blues-­Marketing ist eine familiäre Angelegenheit aus dem Hause Loomis: Hamiltons kleiner Sohn Bo Jordan leidet seit vier Jahren unter einem extrem niedrigen Blutzuckerspiegel, einer seltenen Krankheit, Kongenitaler Hyper­insulinismus genannt, die zum Tod führen kann.

„Sugar Baby“ macht Mut

Bei Bo hat die Therapie offenbar Wirkung gezeigt. All den Kindern, die weniger Glück hatten, widmet er den Song „Sugar Baby“, ebenso allen Familien, Medizinern und nicht zuletzt der Hilfsorganisation Congenital Hyperinsulinism International (CHI). Das bewegende „Sugar Baby“ wird, wie auf allen Loomis-Konzerten, am Samstagabend auch in Gaildorf zu hören sein. Als „opening track“ – also gleich nach Siggi Karchers Ansage im großen Zelt auf der Kocherwiese.

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