Freitag, der 27. März, war der letzte offizielle Arbeitstag für die Ärztinnen Dr. Annegret Bullacher und Dr. Dagmar Vogel. Seit 1. April ist ihre Hausarztpraxis in der Kanzleistraße 17 in Gaildorf dicht. Jetzt sind sie fest am Aufräumen. Das Ruhestandsalter in Sichtweite, haben sie sich für diesen Schnitt entschieden.

Es sei keine leichte Entscheidung gewesen, stellt Dr. Annegret Bullacher fest. Sie denkt in erster Linie an ihre medizinischen Fachangestellten, die sich jetzt anderweitig orientieren müssen. Sieben Teilzeitkräfte waren beschäftigt. „Ein festes Team, gute Stimmung, alle haben sich prima verstanden“, blickt die Allgemeinmedizinerin zurück. Sie selbst denkt mit ihren 60 Jahren allerdings noch nicht ans Aufhören.

Ehrenamtlich weiterarbeiten

Ganz im Gegenteil: In Diensten der „German Doctors“ will sie freiwillig und ehrenamtlich dort helfen, wo das Elend zum Alltag gehört. Hätte das Coronavirus nicht dazwischengefunkt, dann stünde ihr erster Einsatz in Bangladesch auch nicht infrage.

Der Impuls, sich dieser Organisation anzuschließen, ging von Dr. Ulrich Bauer aus. In den Jahren 2002/2003 war Annegret Bullacher Mitarbeiterin des früheren Chefarztes im Gaildorfer Kreiskrankenhaus, der schon in vielen Auslandseinsätzen Not linderte. Anschließend stieg die Allgemeinmedizinerin in die Praxis von Dr. Beate Rooschüz in der Bahnhofstraße ein. 2006 kam Internistin Dr. Dagmar Vogel dazu, die bis dato als Oberärztin ebenfalls im Gaildorfer Krankenhaus tätig war.

Über einen kurzen Zeitraum hinweg praktizierten die Ärztinnen zu dritt, ehe sich Dr. Rooschüz 2007 aus dem aktiven Berufsleben zurückzog. Zunächst führten Dres. Bullacher und Vogel die Gemeinschaftspraxis an diesem Standort weiter, zogen dann aber 2011 in die Kanzleistraße 17 um. Privater Wohnort beider Ärztinnen ist Rosengarten. Die Ökonomisierung und Bürokratisierung im Gesundheitswesen waren zum Teil Gründe, die zum Entschluss führten, die Praxis aufzugeben. Zudem war in ihnen der Wunsch gereift, sich nach stressigen Berufsjahren auch noch anderen Dingen widmen zu wollen.

Für Menschen in besonderen Situationen da zu sein, ist Annegret Bullacher ein Anliegen. Sie gehört der Initiative SAPV Ostalb am Stauferklinikum Mutlangen an. Die vier Buchstaben stehen für Spezialisierte Ambulante Palliativversorgung. Das Team aus Ärzten und Pflegekräften bietet Menschen mit nicht heilbaren Erkrankungen und begrenzter Lebenserwartung ambulante Palliativmedizin und Begleitung bis zum Tod.

Den Verzweifelten helfen

Nicht weniger anspruchsvoll werden die künftigen Aufgaben sein. Sechswöchige Einsätze führen die German Doctors in Entwicklungsländer, wo medizinische Hilfe dringend benötigt wird. Dr. Bullachers erster Einsatzort ist die Region Savar nördlich von Dhaka, der Hauptstadt von Bangladesch. Dort suchen viele Menschen Arbeit in den großen Textilfabriken. Nicht wenige aber landen auf der Straße und in der Prostitution, geraten in einen Kreislauf von Verzweiflung und Drogenabhängigkeit.

Die German Doctors setzen sich für die Gesundheitsversorgung und ein Leben in Würde ein. Annegret Bullacher scheut sich nicht, solche Herausforderungen anzunehmen. Wenn alles so läuft wie geplant, dann geht ihr Flug Ende Juni.