Lebensqualität Gaildorfer Innenstadt wird immer leerer

Die Gaildorfer Innenstadt im Mai 2017 aus der Luft.
Die Gaildorfer Innenstadt im Mai 2017 aus der Luft. © Foto: Clemens Weller (Archiv)
Gaildorf / Cornelia Kaufhold 12.04.2018
Mit dem Bau des Ärztehauses ist es in der Gaildorfer Innenstadt noch leerer geworden. Das beschäftigt die SPD am Ort und hinterfragt deshalb Perspektiven des Einzelhandels.

Nach nicht mal einer halben Stunde steht der erste Zuhörer auf und verlässt den Kernersaal. In der gegenüberliegenden Stuhlreihe unterhalten sich zwei Zuhörer, es ist unruhig im Saal. Bernhard Franke von der Dienstleistungsgewerkschaft ver.di steht am Rednerpult, bricht eine Lanze für die Geringverdienenden im Einzelhandel. Von den drei Millionen Beschäftigten sind 70 Prozent Frauen. Franke spricht von Altersarmut und gesellschaftlicher Verantwortung.

Karl Eichele, Vorsitzender des 39 Mitglieder zählenden SPD-Ortsvereins Gaildorf-Limpurger Land dankt dem Referenten. Der 71-jährige Gewerkschafter ist aus Neu-Ulm angereist und wird in der Nacht nicht mehr nachhause zurückfahren. „Das Opfer ist es mir wert, hier zu sein“, sagt er. Der Applaus ist schwach. Dass die circa 25 Zuhörer, zu 90 Prozent Geschäftsleute aus Gaildorf,  auf eine Pause verzichten und gleich in die Diskussion einsteigen möchten, zeigt, dass sie dringend über das Thema sprechen möchten, das ihnen auf den Nägeln brennt: die Perspektiven des Einzelhandels.

Kritik an Stadt

„Die Politik hat völlig versagt“, sagt ein Geschäftsmann. „Warum zahlen die Billiganbieter wie Amazon und Zalando so gut wie keine Gewerbesteuer, aber wir Kleinen werden geschröpft,“ fragt er und berichtet von seinem Paketzusteller, der kein Wort Deutsch spricht und vier Euro in der Stunde bekommt. Franke ist entsetzt. Die Politik habe mit dem Rabattgesetz und den Landesöffnungszeiten die Tür für den Verdrängungswettbewerb geöffnet, sagt der Gewerkschafter.

„Ich glaube, ich habe ein Déjà-vu“, entfacht der Einzelhändler die Diskussion. „Vor zwei Jahren haben wir hier auch gesessen, da ging’s um den Masterplan. Das hat tausende Euros gekostet. Es wurden dann Gruppen gebildet und was hat es für den Einzelhandel gebracht.“ Er hinterlässt ein großes Fragezeichen. Schweigen im Saal. Er beklagt, dass Bürgermeister Frank Zimmermann als Vorsitzender des Stadtmarketings nicht anwesend ist. Dieser hat sich wegen eines „wichtigen Termins“ entschuldigt, berichtet Karl Eichele. „Ein Armutszeugnis ist das. Zimmermann müsste hier sitzen und mit uns sprechen“, schimpft der Geschäftsmann.

„Die vielen Spielcasinos“

Es hagelt Kritik: Die Stadt kaufe die Sportgeräte nicht in Gaildorf, sie mache europaweite Ausschreibung, statt die Lose runterzubrechen und damit örtliche Handwerker zum Zug kommen zu lassen. Die Stadt nehme keine Rücksicht auf die Situation der Einzelhändler. „Sie verlangt so und so viele Parkplätze, und wenn du die nicht bringst, musst du zahlen.“ „Der Bürgermeister hat komplett versagt, auf allen Ebenen“, resümiert ein Selbstständiger und fragt: „Wer hat den Lust, im Stadtkern einen Laden aufzumachen, so wie es dort aussieht. Und dann die vielen Spielcasinos.“ Eine Geschäftsfrau ruft dazwischen: „Das sollte mal jemand in die Hand nehmen, aber da ist niemand da, der es macht.“ „Gaildorf ist halber tot“, macht ein anderer seinem Unmut Luft.

Fremde in Stadt lotsen

Es gibt auch konstruktive Beiträge an diesem Abend. Auf dem Kocher-Jagst-Radweg könne man Hinweisschilder auf Eisdielen, Cafés und Gasthäuser anbringen.  „Im Moment leiten wir die Radfahrer auf dem Kocher-Jagst-Radweg an Gaildorf vorbei. Wir müssen ihnen die Stadt schmackhaft machen,“ so eine Geschäftsfrau. Sie ermuntert, positiv zu denken und regt an, an den Ortseingängen den Hinweis auf 500 kostenlose Parkplätze in der Stadt anzubringen. Auch der Vorschlag, eine geräumige Papier-Einkaufstüte mit den Namen aller Gaildorfer Geschäfte drucken zu lassen, findet Anklang. „Solch kleine Ideen sind gut und leicht umsetzbar,“ ermuntert Bernhard Franke. „Den Vorschlag habe ich schon beim Masterplan vor Jahren gemacht. Er wurde nicht aufgegriffen“, beschwert sich der Gaildorfer.

„Mischen Sie sich ein“

Karl Eichele schaut auf die Uhr. Sie zeigt 21.10 Uhr. Zwei Fußballfans sind schon früher gegangen, für die Halbzeit könnte es jetzt noch reichen. Doch die Diskussion wird  ein bisschen fortgesetzt. „Es braucht eine konzertierte Aktion, nur so kommen wir Schritt für Schritt weiter. Es gab viele gute Ideen, nur wenn’s keiner in die Hand nimmt, versandet das“, resümiert Eichele. Der SPD-Chef bietet sich als Ansprechpartner an, „wenn sich nichts tut.“

Gewerkschafter Franke empfiehlt den Gaildorfern: „Mischen Sie sich in die Kommunalpolitik ein, verschaffen Sie sich Gehör, rücken Sie den Gemeinderäten und der Verwaltung auf die Pelle.“

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