Gaildorf Freie Bahn für Fische im Kocher

Bei der Pegelmessstation am Kocher in Gaildorf bauen Mitarbeiter der Firma Haag, Neuler, eine raue Rampe in den Fluss.
Bei der Pegelmessstation am Kocher in Gaildorf bauen Mitarbeiter der Firma Haag, Neuler, eine raue Rampe in den Fluss. © Foto: ka
Gaildorf / Von Cornelia Kaufhold 07.06.2018
Die raue Rampe beim Pegel in Gaildorf ist nahezu fertig gebaut. Der kleine Wasserfall am Mäuerchen im Fluss ist verschwunden. Jetzt können Fische flussaufwärts wandern.

Des isch glei passiert“, sagt Karl May. Als Bauleiter der Firma Haag, Neuler, ist er der Chef der Baustelle am Pegel. 500 Tonnen Muschelkalk verbauen dort seine Kollegen und legen eine 21 Meter lange raue Rampe quer durch den Kocher an. Sie hat ein Gefälle von 0,7 Prozent oder 36 Zentimeter. Bevor er weitere Fragen beantwortet, stellt er zwei Dinge klar: Das Baumaterial sei nicht versehentlich auf der Kocherwiese zwischengelagert worden. „Den Platz hat uns die Stadt zugeteilt und zwar der Herr Munz vom Baubetriebshof.“ Zum zweiten habe die Firma Haag den Bau nicht schleifen lassen. Wetterbedingt, erklärt Karl May, „konnten wir nicht bauen, nach Gewitter und Regen war der Wasserstand zu hoch“. Zudem musste die Firma auf die Lieferung des Baumaterials warten, zertifizierte Steine für den Wasserbau von einer Firma in Gammesfeld. „Solch hochwertiges Material hat man nicht auf Halde, dafür ist es zu teuer“, erklärt Karl May.

150.000 Euro Kosten

Für den Bau der Rampe räumen seine Kollegen vor dem Betonieren die Sohle und stauen den Fluss mit Verbaukörben und Sandsäcken. Seit Dienstag geht die Arbeit auf der Baustelle weiter. Der Baggerfahrer positioniert die Steine am Ufer und klopft sie mit der Baggerschaufel fest. Das Projekt stand auf der Agenda des Regierungspräsidiums (RP), versichert Alois Hilsenbek von der RP-Außenstelle Ellwangen. Das Wasserhaushaltsgesetz des Bundes verpflichtet die Behörde als Betreiber des Pegels, die Durchgängigkeit des Gewässers herzustellen beziehungsweise sicherzustellen. Grundlage dafür ist die Europäische Wasser-Rahmenrichtlinie. Der ganze Spaß kostet 150.000 Euro, weiß Karl May.

Die Fischtreppe fällt allerdings nicht in Hilsenbeks Zuständigkeit, sondern in die seines Kollegen Schuster. Hilsenbeks Baustelle als Flussmeister ist die Unterhaltung und Wartung von Gewässern. Alois Hilsenbek zeigt auf das Mäuerchen im Kocher vor der Messstation. Dort wurden die Steine eingebracht, sodass jetzt die Fische barrierefrei im Fluss wandern können. Zusammen mit Markus Frank vom Fischereiverein Gaildorf hat er Geld für die Anlage eines Kiesbetts im Kocher bei Kleinaltdorf lockergemacht. Dort können jetzt Fische laichen.

Bedrohte Arten

Vor dem Bau der rauen Rampe haben die Fischer den Bereich rund um den Pegel leergefischt. „Es hat zwar viele Fischarten im Kocher, aber bei Weitem nicht mehr die Menge wie früher“, stellt Frank fest. Den Fischen fehlten Unterstände. Die Steine im Fluss bieten ihnen Schutz und Rück­zugsmöglichkeit. „Sie sind permanent dem Strom ausgesetzt“, erklärt Frank. Dem Kocher fehle aufgrund der Begradigung Struktur, also Bereiche mit Totholz und Wurzeln. Bedrohte Fischarten wie die Äsche leben im Kocher, berichtet er. Sie steht auf der Roten Liste. Mühlkoppen, Schneider und Nasen haben die Fischer umgesetzt. Die Nase, so Frank, sei ein Leitfisch des Kochers, jedoch fast völlig verschwunden. Der Pflanzenfresser weidet Algen „und die findet er hier kaum noch“. Ebenso Bitterlinge. „Wenn nur noch fünf oder sechs von dem Schwarmfisch hochkommen, dann zeigt mir das, dass er vom Aussterben bedroht ist.“ Wie 80 Prozent der Fischarten im Kocher braucht auch der Schneider ein Kiesbett für die Eiablage, „aber die sind nicht mehr vorhanden. Der Kies hängt am Wehr oder liegt am Boden.“

Deshalb kämpfen die Fischer um Kiesbetten und Störsteine. Markus Frank freut sich über die raue Rampe am Pegel. Die Steine bremsen die Fließgeschwindigkeit des Flusses und ermöglichen es den Fischen, die Querverbindung zu überwinden. Das sei relevant, weil manche Fischarten wie etwa die Äsche und die Barbe grundsätzlich flussaufwärts zur Eiablage schwimmen und das so weit, bis sie einen geeigneten Platz gefunden haben.

Noch viel zu tun

„Der Kocher ist eine ewige Baustelle“, sagt Frank. So sei beispielsweise ein Bachzulauf ein Stück weiter flussaufwärts „völlig verbaut, da kommt kein Fisch rein, aber dort würden sie Kiesbetten vorfinden“. Sie sind auch der Lebensraum von Wasserinsekten wie die Larven der Köcher- und der Steinfliege und Bachflohkrebsen, die Wasservögeln und Amphibien ebenso als Nahrung dienen wie Fischen und Libellen. „Dieser Kreislauf muss wieder hergestellt werden“, erklärt Frank. Deshalb müssten Bäche freigemacht und in naher Zukunft über das Kocherwehr bei Bott in Großaltdorf nachgedacht werden. „Dort gibt’s gar keine Treppe“, moniert Frank.

Konzertierte Aktion

Im Herbst will der Fischereiverein in der Rot Kiesflächen anlegen und zusammen mit Alois Hilsenbeck, Vertretern der Stadt und des Naturschutzbundes schauen, wann welche Maßnahmen am Kocher in Gaildorf als Nächstes angegangen werden.

Zehn weitere Baustellen am Kocher im Kreis Hall

Fischbestand Bei regelmäßig durchgeführten Kontrollbefischungen konnten bis auf die Nase im Grunde alle für diesen Kocherabschnitt charakteristischen Fischarten gefangen werden, teilt das Regierungspräsidium auf Anfrage mit. Insgesamt wurden 18 einheimische Fischarten in teilweise beträchtlichen Stückzahlen vom mehreren 100 Individuen nachgewiesen. Dennoch könnte es in Bezug auf die prozentuale Verteilung der Fischarten untereinander, die zu geringen Stückzahlen einiger Arten und das Fehlen der Nase deutlich besser um die Fischfauna bestellt sein, räumt die Behörde ein. Strukturelle Verbesserungen des Gewässerbetts und die Schaffung der Durchgängigkeit an Querbauwerken trügen zur Verbesserung der Situation bei.

Agenda Das Regierungspräsidium hat zehn weitere Standorte im Landkreis Schwäbisch Hall auf der Agenda, um die Durchgängigkeit des Kochers herzustellen und zwar am Wehr bei der Baumwollspinnerei in Hall, an der Wasserkraftanlage in Döttingen, sie soll stillgelegt werden, am Wehr bei der Firma BMK in Bröckingen, beim Wehr bei BEW in Westheim, beim Wehr in Untermünkheim-Haagen, am Kocherwehr am Stausee Steinbach, am Wehr beim E-Werk Neuberg in Gelbingen, beim Dreimühlenwehr in Hall und beim Wehr der Firma Bott in Großaltdorf. ka

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