Im Falle des vermissten Mädchens Tara richtet sich das Augenmerk der Ermittler zunehmend auf die Mutter. Unserer Zeitung liegen verlässliche Informationen vor, wonach eine bundesweit agierende Polizeibehörde kürzlich bestätigt hat, dass gegen Inka R. Haftbefehl erlassen wurde. Weitere Details sind nicht bekannt, jedoch dürfte der Haftbefehl zumindest auf dem Vorwurf der Entziehung Minderjähriger fußen, was nach Paragraf 235 StGB strafbar ist.
Einen entsprechenden Strafantrag hat das Schwäbisch Haller Jugendamt bereits im Dezember 2020 bei der Staatsanwaltschaft eingereicht. Mehrere Anfragen unserer Zeitung bei der Staatsanwaltschaft Heilbronn sowie der zugehörigen Zweigstelle in Hall zu den Hintergründen und zur Frage, ob auch im Falle der Mutter eine Öffentlichkeitsfahndung angestrebt wird, bleiben bislang „aus ermittlungstaktischen Gründen“ unbeantwortet.
Auch bleibt die Frage nach den zeitlichen Abständen zwischen den einzelnen Ereignissen vorerst ungeklärt: Zwischen der Flucht von Inka R. mit ihrer Tochter und dem Haftbefehl gegen die Mutter liegt mehr als ein halbes Jahr.

Zuletzt wohnhaft in Ottendorf

Am 29. Januar, also vor mehr als zwei Monaten, hatte sich die Schwäbisch Haller Polizei mit einer Vermisstenfahndung an die Öffentlichkeit gewandt. Diese Fahndung läuft nach wie vor. Darin ist zu lesen, dass die siebenjährige Tara bereits seit dem 1. September 2020 vermisst wird. Sie lebte zuletzt gemeinsam mit ihrer Mutter im Gaildorfer Teilort Ottendorf.
Zuvor war der Mutter auf Bestreben des Haller Jugendamts das Aufenthaltsbestimmungsrecht entzogen worden. Es gibt zahlreiche Hinweise, dass von der Mutter eine Gefährdung des Kindeswohls ausgeht. Mehrere Aufforderungen, der richterlichen Anordnung nachzukommen, blieben jedoch ohne Ergebnis, weshalb schließlich die öffentliche Fahndung eingeleitet wurde. Die Polizei geht davon aus, dass Tara gemeinsam mit Inka R. unterwegs ist, die Mutter also durch ihre Flucht die Inobhutnahme des Kindes verhindern will.
Der Haftbefehl und die mit ihm einhergehenden polizeilichen Maßnahmen dürften der Mutter die Flucht weiter erschweren. Von einer Gewahrsamnahme bei einer polizeilichen Kontrolle bis hin zu einer gezielten Suche ist nun vieles denkbar.
Große Bedeutung hat dabei die Frage, ob sich Mutter und Tochter noch beziehungsweise wieder in Deutschland aufhalten – oder ob sie im Ausland sind. Bereits vor einigen Monaten hat der vom EU-Inselstaat Malta aus operierende deutsche Anwalt Kai Jochimsen die Mandantschaft für Mutter und Kind erklärt. Ausführungen auf seiner Internetseite legen nahe, dass er in Kontakt mit beiden steht und zumindest in der Vergangenheit Informationen zum Aufenthaltsort hatte. „Taras Aufenthalt ist bekannt; nur nicht demjenigen, den er nichts angeht“, ist dort unter anderem zu lesen. Außerdem: „Es ist bedauer­lich, dass sich die Polizei missbrauchen lässt, Tara als vermisstes Kind zu führen und ihr Recht am eigenen Bild zu verletzen.“

Polizei befragt Anwalt

Im Februar hat die maltesische Polizei Jochimsen befragt. Dies erklärt er selbst auf seiner Website. Er sei „vor dem Vice Squad des maltesischen Polizeipräsidenten geladen“ gewesen. Dabei sei es um die „vermeintlich vermisste Tara“ gegangen. Der Anwalt gibt an, der „befragenden Kommissarin“ habe ein entsprechendes Ersuchen des Haller Jugendamts vorgelegen. Das Jugendamt sei in eine „befremdliche Offensive“ gegangen, schreibt Jochimsen. Dass die maltesischen Behörden in dieser Angelegenheit ermitteln, haben sie unserer Zeitung auf Nachfrage schriftlich bestätigt. Dennoch scheint derzeit unklar, ob sich Mutter und Tochter tatsächlich auf Malta aufhalten.

Ähnliche Fälle

Jochimsen tritt in Fällen von Kindesentzug immer wieder in Erscheinung. So berichtete bereits im November 2017 „Spiegel Online“ über einen ähnlich gelagerten Fall: Eine Berlinerin hatte sich mit ihrer Tochter nach Thailand abgesetzt. Unter Mithilfe deutscher Kriminalbeamter konnte das Kind schließlich zum sorgeberechtigten Vater zurückgebracht werden, die Mutter wurde zu einer Freiheitsstrafe wegen Entziehung Minderjähriger verurteilt. Das Amtsgericht war damals überzeugt, dass die Mutter mit ihrer Tochter über Malta nach Thailand ausgereist war, obwohl der Vater der Neunjährigen das alleinige Sorgerecht zugesprochen bekommen hatte.
Ein weiterer betroffener Vater aus Bayern hat sich inzwischen an unsere Zeitung gewandt. Dessen seinerzeit einjähriger Sohn wurde Anfang 2020 nach Angaben des Vaters von seiner Mutter entzogen. Auch sie wird von Anwalt Kai Jochimsen vertreten. Mutter und Kind sind bis zum heutigen Tag verschwunden.
Jochimsen ist bei der Rechtsanwaltskammer in Köln Mitglied. Eine Presseanfrage unter anderem zu den teils drastischen Darstellungen auf Jochimsens Website – beispielsweise ist dort neben Berichten zum Fall Tara das Foto einer Frau mit Mundknebel abgebildet – beantwortete die Kammer wie folgt: „Jeder Rechtsanwalt ist frei, seine Internetseite so zu gestalten, wie er möchte, wenn er sich in den Grenzen des Berufsrechts hält.“
Selbst wenn dem nicht so wäre, dürfe die Kammer nur vom Rechtsanwalt eine Änderung verlangen und darüber keine Informationen geben. „Ob uns eine Seite ,gefällt’ oder nicht, ist von uns nicht zu beurteilen.“ Überhaupt unterliege die Rechtsanwaltskammer „in Bezug auf ihre Mitglieder besonderen Verschwiegenheitspflichten“.

Die Polizei bittet um Hinweise


Seit dem 1. September 2020 wird die siebenjährige Tara R. aus Gaildorf-Ottendorf vermisst. Sie dürfte sich in Begleitung ihrer 47-jährigen Mutter befinden, da beide im September ihren gewohnten Lebensbereich gemeinsam verlassen haben. Es wird von der Polizei nicht ausgeschlossen, dass sich beide im Ausland befinden oder zwischenzeitlich befanden.

Das Kind wird wie folgt beschrieben:

· ca. 1,15 bis 1,25 Meter groß
· schlank
· dunkelblonde lange Haare
· blaue Augen

Wer hat das vermisste Kind gesehen oder kann Informationen zu seinem Aufenthaltsort geben? Hinweise an das Kriminalkommissariat Schwäbisch Hall, Salinenstraße 18, 74523 Schwäbisch Hall, Telefon 07 91 / 40 00 (rund um die Uhr erreichbar), E-Mail: schwaebisch- hall.prev@polizei.bwl.de