Ein Hauch von Graswurzel-Revolution weht durch den Schwäbischen Wald. Der wird eigentlich von der Schwäbischen Waldfee vertreten, hat seit ungefähr einem Jahr aber auch einen  inoffiziellen Repräsentanten: den Schwäbischen Waldschrat.

Sven Vollbrecht heißt der Mann. Der gelernte Steinmetz aus Backnang, der als Haustechniker arbeitet, wurde bei einer Facebook-Aktion gekürt und kandiert nun erneut.  Außer dem Titel des ersten Schwäbischen Waldschrates kriegte der 37-Jährige, der sich gegen sechs Mitbewerber durchsetzte, ein Waldschrat-T-Shirt, eine Waldschrat-Jacke und ein „schratiges Fotoshooting“ bei Gerald Markert.

Vollbrecht selber gab und gibt im Gegenzug dafür alles und wurde wohl auch deshalb im Handumdrehen zur Berühmtheit. Auf Facebook findet man einen kur­zen Videoclip vom März 2018. Vollbrecht hatte ahnungslos das Jahreskonzert des städtischen Blasorchesters Backnang besucht und war völlig von den Socken, als ihn der Ansager als Waldschrat begrüßte. Mittlerweile muss er mit allen möglichen Leuten Selfies machen und der Backnanger Oberbürgermeister Frank Nopper sagt „Da ist ja unser Waldschrat“, wenn sie sich auf der Straße begegnen.

Ansonsten kommt und geht Schrat Vollbrecht wie’s ihm passt. Das unterscheidet ihn auch von der Waldfee, die von der Fremdenverkehrsgemeinschaft Schwäbischer Wald gewählt und ausgestattet wird: Pflichttermine gibt’s für ihn nicht. Und er ist auch nicht an die Fremdenverkehrsgemeinschaft und deren Mitgliedsgemeinden gebunden: Der Schrat ist im gesamten Schwäbischen Wald zu Hause.

Geklärte Verhältnisse

„Wir haben ein entspanntes Verhältnis, es ist aber auch klar, dass der Waldschrat kein offizieller Repräsentant des Schwäbischen Waldes ist“, sagt Barbara Schunter, Geschäftsführerin der Fremdenverkehrsgemeinschaft.

Das musste aber offenbar auch geklärt werden. Einigen Bürgermeistern „hat’s nicht so gefallen“, erinnert  sich Vollbrecht an die Anfänge seiner Amtszeit. Im Rems-Murr-Kreis kursiert die Geschichte von einem Zusammentreffen von Waldfee und Waldschrat, bei dem ein gemeinsames Foto untersagt wurde. Die Sache sei „etwas gehypt“ worden, sagt Schunter. Es habe sich halt um einen Termin der Fremdenverkehrsgemeinschaft gehandelt. Der Schrat, der sich übrigens nicht beschwert hatte, vertrete hingegen eine private Initiative. Dabei handelt es sich eigentlich um eine Facebook-Gruppe: „Rund um den Schwäbisch-Fränkischen Wald“ wurde von Jan Vogel alias Janus Mortis und einigen Freunden, darunter auch der leidenschaftliche Hobbyfotograf Gerald Markert, im Dezember 2017 gegründet. Der gelernte Maurermeister aus Neufürstenhütte arbeitet als Monteur und ist außerdem Vorstand des Vereins für historisches Handwerk und lebendige Geschichte, der den historischen Handwerkermarkt am Limes organisiert.

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Gaildorf

In der Gruppe „Rund um den Schwäbisch-Fränkischen Wald“ haben sich Fans der Region versammelt. Stand Dienstag hatte sie 1164 Mitglieder. Man teilt Fotos und Termine und auch Geschichten aus dem Schwäbischen Wald, gibt Tipps für Wanderungen, und wenn jemand meint, sich politisch äußern zu müssen, greift der Administrator ein. „Der Fokus liegt auf dem Schwäbischen Wald“, sagt Vogel, „wir finden, dass es hier am schönsten ist!“

Und der Schrat steht für Spaß, Freiheit und Freizeit und ein wenig wohl auch für das Klischee vom schratigen Naturell der Menschen im Schwäbischen Wald. Ein bisschen Anarchie darf sein, Renitenz, Opposition gar eher nicht. Der Schrat ist kein Gegenentwurf zur Fremdenverkehrsgemeinschaft, „Nein, nein, nein!“, sagt Vogel. Wenn er eingeladen werde, sagt auch Vollbrecht, sollte im Zweifel vorher geklärt werden, ob sich die Fremdenverkehrsgemeinschaft auf den Schlips getreten fühlen könnte.

Zeichen des freien Mannes

Als Schrat erscheint er auch gerne mit einem Zylinder auf dem Kopf; die Kopfbedeckung stammt noch aus seiner Zeit als Steinmetz. Im traditionellen Handwerk gelte sie als „Zeichen des freien Mannes, das nur zum Schlafen und zum Beten abgesetzt wird“, erklärt Vollbrecht. Vermutlich nimmt er den Zylinder aber auch ab, wenn er der Waldfee begegnet. Mittlerweile herrschen nämlich entspannte Verhältnisse. Bei der Mühlenweihnacht an der Glattenzainbachmühle haben Schrat und Fee zusammen Stockbrot gebacken.

Offen und freiraus sollte man als Waldschrat sein, sagt Vollbrecht, man müsse auf die Leute zugehen können, dürfe frech, aber nicht respektlos oder unhöflich auftreten. Vogel bezeichnet ihn als Glücksfall: Vollbrecht habe tiefe Spuren hinterlassen. Ob er auch weiterhin als Waldschrat durch den Schwäbischen Wald stapfen darf, wird sich aber erst noch zeigen. Am 27. Januar wird die Facebook-Gruppe den nächsten Waldschrat wählen.

Neben dem Amtsinhaber kandidieren unter anderem der Lkw-Mechaniker Timo Schif aus Altfürstenhütte, und auch Gerald Markert hat seinen Hut in den Ring geworfen. Weitere Kandidaten können sich noch melden: Die Anmeldefrist endet am 20. Januar. Und der Wahlkampf wird nicht im Schwäbischen Wald, sondern auf Facebook ausgetragen.

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Repräsentantin Offizielle Vertreterin der Fremdenverkehrsgemeinschaft Schwäbischer Wald ist die Schwäbische Waldfee. Sie wird von den Bürgermeistern der Mitgliedskommunen jährlich gewählt. Amtierende sechste Waldfee ist die Studentin Mariel Knödler. Sie wurde im April letzten Jahres gewählt, nachdem sie ihre Mitkandidatinnen in Grund und Boden geschwätzt hatte – Reden zu können ist neben der Liebe zur Natur und zum Schwäbischen Wald die wichtigste Waldfee-Eigenschaft. Die Waldfee wird vom Schorndorfer Label Riani mit einem Waldfee-Kleidchen ausgestattet, sie wird frisiert und fotografiert und erhält außerdem ein gesponsertes Cabrio für Fahrten durch den Schwäbischen Wald zu ihren Werbe-Auftritten.

Gemeinschaft Die Fremdenverkehrsgemeinschaft Schwäbischer Wald ist nicht deckungsgleich mit dem Naturpark Schwäbisch-Fränkischer Wald. Aktuell sind in ihr 19 Kommunen aus vier Landkreisen organisiert: Alfdorf, Althütte, Aspach, Auenwald, Berglen, Großerlach, Gschwend, Kaisersbach, Mainhardt, Murrhardt, Oberrot, Oppenweiler, der Rems-Murr-Kreis, Rudersberg, Spiegelberg, Sulzbach an der Murr, Weissach im Tal, Welzheim und Wüstenrot.