In die Chronik Gaildorfs eingebrannt ist der 20. April 1945. Damals, in den Wirren der letzten Kriegstage, wurden Teile der Innenstadt zerstört. Viele Menschen überlebten das Inferno nicht. Durch Augenzeugenberichte ist diese radikale Veränderung des Stadtbildes dokumentiert, verlässliche Angaben über die Anzahl der Toten gibt es indes nicht. Tausende von Menschen sollen im Limpurger Land dem Krieg zum Opfer gefallen sein, darunter – so die offizielle Angabe – 1168 Soldaten.

Bereits Tage vor dem verhängnisvollen 20. April hatten die Menschen im Raum Gaildorf unter Luftangriffen und Gefechten zu leiden. Westbahnhof und Verstärkeramt waren wie auch Wohngebäude durch Jagdbomber der Alliierten zerschossen worden, die Fraschhalle, keine 40 Jahre zuvor erbaut, niedergebrannt. US-
Soldaten hatten Wind davon bekommen, dass dort Panzerfäuste für den Volkssturm, Hitlers letztes Aufgebot, gelagert sein sollen. Lange Zeit galt dies als Gerücht; die „Amis“ hätten das von Ehrenbürger Hermann Frasch einst gestiftete Gebäude aus purer Zerstörungswut eingeäschert. Inzwischen weiß man, dass dort Waffen gebunkert waren.

Die Kocherbrücke gesprengt

Den Resten einer Nachhut des 26. Grenadierregiments der 198. deutschen Panzerdivision gelang es nicht, die vor der Stadt stehenden US-Divisionen aufzuhalten. Sie zogen sich am 19. April in den Bereich nördlich des Kochers zurück – und jagten die Brücke in die Luft, um den „Feind“ aufzuhalten. Das war der Anfang vom Ende, zumal die Deutschen aus vermeintlich strategisch günstiger Position sofort die über Hall angerückte 10. US-Panzerdivision – die berüchtigten „Tigers“ – unter Beschuss nahmen: Vom Steigenhaus und von der Friedhofstraße feuerte die Einheit mit leichten Geschützen Richtung Innenstadt, wo 50 Panzer der Amerikaner postiert waren.

Das Echo war verheerend: Jedes Gebäude in der Friedhofstraße wurde erheblich beschädigt. Nun nahmen sich deutsche Heckenschützen die aus dem Rottal herangezogene 44. US-Infanteriedivision vor, die auf dem Weg nach Crailsheim war, wegen der gesprengten Kocherbrücke aber in Gaildorf verharrte. Dieses Feuergefecht, über das es lange Zeit kaum Informationen gab, ist überliefert in einem Bericht des US-
Soldaten Hurland Leo Clark.

„Es war unheimlich“

Clark beschreibt darin, dass Gaildorf in diesen Tagen einer Geisterstadt glich: „Es war unheimlich!“ Die Einwohner hatten sich in Sicherheit gebracht, in Kellern versteckt. Nach eintägigem Zwangsaufenthalt in der Stadt wollte Major John Robert Bull am frühen Abend des 20. April mit seiner Einheit weiterziehen, zunächst aber vom Turm der Stadtkirche aus die Lage sondieren. Clark schlug stattdessen das Alte Schloss vor, Bull willigte ein.

Kaum hatten sich die GIs dort verschanzt, schlugen von deutscher Seite abgefeuerte Granaten im Kirchturm ein. Eine Brandgranate bohrte sich ins Kirchendach, kurze Zeit später standen das Gotteshaus und das nur wenige Meter entfernte Pückler-Schloss in Flammen. „Hätten wir in der Kirche Stellung bezogen“, so Clark, „wären wir jetzt alle tot!“

Die Kirche – die später wiederaufgebaut werden konnte – wurde zum großen Teil zerstört, das Schloss brannte bis auf die Grundmauern nieder. Graf Gottfried von Pückler-Limpurg, an diesem Tag 74 Jahre alt geworden, und Gräfin Adele waren wie viele ihrer Mitmenschen plötzlich obdachlos.

Kein Schloss-Neubau

Das Paar verzichtete jedoch auf einen Neubau und vermachte sein gesamtes Vermögen einer Stiftung, die heute noch in ihrem Sinne wirkt: der weithin für soziales Engagement bekannten „Graf von Pückler und Limpurg’schen Wohltätigkeitsstiftung“.

Das könnte dich auch interessieren:

Einen Retter der Stadt umgebracht


Im Morgengrauen des 21. April 1945, als Gaildorfs Innenstadt noch in Flammen stand, haben bei Hohenberg Gewehrsalven ein Menschenleben ausgelöscht: Der 31-jährige Alfred Scheffler aus Ostpreußen wurde von einem Hinrichtungskommando erschossen (wir haben mehrfach berichtet). Ein Divisionskriegsgericht hatte ihn wegen „Fahnenflucht“ erschossen. Inzwischen verdichten sich die Hinweise, wonach Scheffler sich geweigert hatte, Gaildorf in aussichtsloser Situation gegen die einmarschierende US-Armee zu verteidigen. Auf diese Weise konnte die völlige Zerstörung der kleinen Stadt durch die Amerikaner abgewendet werden. kmo