Die Stammgäste des Gaildorfer Bräuhauses ahnten es seit geraumer Zeit, dass Julius G. Koller den im September 1983 von seinen Eltern Julius und Maria übernommenen Gasthof schließen möchte. Leicht hatte es sich der Gastronom mit dieser Entscheidung, die er immer wieder hinausschob, nicht gemacht. Fast vier Jahrzehnte lang sorgten sich er und sein Team um das Wohl der Gäste. Schließlich musste er seinem Alter Tribut zollen. Er erreicht in diesem Jahr das Pensionsalter, und so leicht wie früher ging ihm die Arbeit zuletzt nicht mehr von der Hand, zumal sich auch gesundheitliche Probleme einstellten. Und so stand sein Entschluss fest, am vergangenen Sonntag, also am 12. Mai 2019, zum letzten Mal seinen Gasthof zu öffnen und damit das Kapitel Bräuhaus zu den Akten zu legen.

Das Bräuhaus war einst die Wohnung von Justinus Kerner

Dieser Gasthof gehört zu den geschichtsträchtigsten Gebäuden der Stadt Gaildorf. Der legendäre Literat und Mediziner Justinus Kerner etwa, der von 1815 bis 1819 hier Oberamtsarzt gewesen war, wohnte mit seiner Familie unter dem Dach dieses Hauses.

Vor dem Zweiten Weltkrieg betrieben Karl und Theresia Armbruster den Gasthof. Nach dem Krieg, als viele aus Budajenö vertriebene Ungarndeutsche nach Gaildorf kamen, wurde ein neues Kapitel aufgeschlagen. Unter den Vertriebenen waren auch Georg Weber und seine Ehefrau Theresia. Weber war in Budajenö Metzger und Gastwirt gewesen. Sein damaliges Gasthaus ist heute das inzwischen umgebaute Traditionshaus (früher Kulturhaus) Budajenös.

Gaildorf

Im Sommer 1952 pachtete Tochter Maria zusammen mit ihren Eltern das Bräuhaus. Maria Weber heiratete ein Jahr später den aus Budakeszi stammenden Julius Koller. Den beiden wurden mit Julius und Manfred zwei Söhne geschenkt. Das Paar steckte seine ganz Kraft in den gepachteten Betrieb und konnte diesen im Jahr 1955 käuflich erwerben. Das Bräuhaus war zu dieser Zeit ein beliebter Treffpunkt der Ungarn- und Sudetendeutschen aus dem gesamten Limpurger Raum. Dort fanden sie in den schwierigen Jahren nach der Vertreibung eine Heimat, wo sie ihren Dialekt und ihre Kultur ungestört pflegen konnten.

Die Bräuhaus-Kegelbahn ist unvergessen

Legendär waren die Gartenfeste. Unvergessen ist eines der Kirchweihfeste, als zunächst eine kleine ungarndeutsche Blasmusikergruppe und später die Böhmerwälder zum Tanz aufspielten. Nicht zu vergessen die Bräuhaus-Kegelbahn, wo man sich vor allem sonntags – wie einst in Budajenö – zum „Kegelschieben“ traf und die Jungen für ein paar Pfennig die Kegel aufsetzten. Das Image des Bräuhauses wandelte sich aber schnell zu einer Gaststätte mit deutsch-schwäbischer Küche.

Der Ruf des Lokals als Ort guter Gastlichkeit und guten Essens kam nicht von ungefähr: Maria war mit Leib und Seele Gastwirtin und Chefin in der Küche, während ihr Mann Julius mehr am Schank tätig war und sich um die Gäste kümmerte. Viele Vereine und Gruppierungen hatten hier bis zum Schluss ihr Domizil. Vor allem die „Stammtischbrüder“ dürften ihr Bräuhaus nun schmerzlich vermissen.

Viele Vereine hielten dem Bräuhaus bis zur Schließung die Treue

Julius war ein gütiger, verständnisvoller Wirt. Sein Seufzer im Budajenöer Dialekt, als die Fußballer oft gar nicht nach Hause wollten, war legendär: „Buam, geht’s doch endlich ham!“ Als Maria (gestorben 2001) und Julius Koller (gestorben 2016) ins Rentenalter kamen, pachteten zunächst Fritz Reuschl und Helene Hofmann den Gasthof, bis Julius Koller nach seiner Bundeswehrzeit im September 1983 den Familienbetrieb übernahm.

Der gelernte Metzgermeister setzte die Tradition seiner Eltern fort und erarbeitete sich einen guten Ruf als Koch. Schnitzel und Rostbraten waren die Renner neben vielen anderen Gerichten. Auf frische Ware legte Julius stets großen Wert. Auch die ungarischen Spezialitäten wurden aus eigener Herstellung angeboten. „Mein Ziel war es immer, für normale Leute zu kochen und ihnen ein geschmacklich gutes Essen zu bieten“, lautete sein Credo.

Viele Vereine hielten bis zuletzt dem Bräuhaus die Treue: Fußball- und Tischtennisspieler, der Skat- und Schachclub oder der Obst- und Gartenbauverein, um nur einige zu nennen. Die Stammtischbesucher fühlten sich im Bräuhaus wohl, ebenso ungezählte Gaildorfer, die sich für Familienfeste im Bräuhaus gut aufgehoben fühlten.

Wie Julius Koller berichtet, musste an dem Gebäude in regelmäßigen Abständen immer irgendetwas renoviert werden. Höhepunkt war eine Komplettsanierung im Jahr 1979, als der Gast­raum wesentlich erhöht und die technischen Anlagen auf den neuesten Stand gebracht wurden. Nun ist die Ära Armbruster und Koller zu Ende. Für Julius Koller bedeutet das noch eine Menge Arbeit, denn das Haus muss geräumt werden. Und am Ende des Jahres muss er sich eine neue Bleibe suchen.

In Erinnerungen schwelgen

Nicht nur er, sondern viele Freunde und Stammgäste werden sich wehmütig an die vielen geselligen Stunden in diesem Gasthof erinnern. Sie alle sind nun gespannt, was aus dem Bräuhaus einmal wird und wie dieses innerstädtische Areal in Zukunft aussehen könnte.

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