Pferdemarkt Ein Umschlag für Onkel Wolfgang

Gaildorf / Jochen Höneß 12.02.2019

Nach dem Empfang 2018, erzählt Frank Zimmermann, habe er viel Lob für seine Rede bekommen – jedoch, so der Gaildorfer Schultes, sei sie einigen Anwesenden zu lang gewesen. Also habe er sich kurzerhand entschlossen, dieses Jahr gar keine Rede für die Ehrengäste zu halten. Denn je mehr Leute beleidigt sind, so seine Erfahrung, desto besser läuft der Pferdemarkt. Drum habe er die Ansprache kurzerhand für seinen Sohn Maximilian geschrieben. Der ist im zarten Alter von vier Monaten am Montagmittag im Wurmbrandsaal auch tatsächlich anwesend, und zwar auf dem Arm von Bürgermeistergattin Maria.

Der kleine Max dürfte freilich kaum etwas von dem verstanden haben, was der Papa da eine halbe Stunde lang erzählt. Die übrigen Anwesenden hingegen umso mehr – heimische Abgeordnete aus Europa, Bund und Land, Bürgermeister benachbarter Städte und Gemeinden, Vertreter aus der Wirtschaft, von der Kirche, der Gesellschaft, kurzum: So ziemlich alles, was Rang und Namen hat, sitzt im gut gefüllten Saal des Alten Schlosses.

So darf sich „Onkel Wilfried“, also Landtagsvizepräsident Wilfried Klenk, vorrechnen lassen, dass die avisierte Höchstgeschwindigkeit von 160 Sachen auf der Murrbahn wohl nur dann gelingen könne, wenn die Züge zwischen Stuttgart und Nürnberg nur noch in Backnang, Gaildorf und Ansbach halten – „und vielleicht auch noch oberhalb von dieser Kocher-Philharmonie da an diesem versifften Vorstadt-Bahnhof. Aber bloß, wenn der Kollege OB keine Zicken macht.“ Der Angesprochene, Halls Oberbürgermeister Hermann-Josef Pelgrim, bekommt gleich mehrmals sein Fett weg: „Junge Familien aus der Mitte Ihrer Bürgerschaft sind zwischenzeitlich Stammkundschaft im Gaildorfer Notariat!“, triumphiert Zimmermann. Eine Landflucht der Haller gen Schenkenstadt? Nun ja, über Bevölkerungsschwund kann man sich in Hall sicherlich nicht beklagen. Stattdessen beklagt sich der Redner beim CDU-Bundestagsabgeordneten Christian von Stetten, dass die Windräder landauf, landab auf dessen Bestreben hin nicht mehr blinken sollen. Im fernen Berlin habe der Freiherr dafür gesorgt, „dass endlich die wirklich großen Probleme auf unserem schönen Planeten angepackt werden“, sagt Zimmermann ironisch.

In die letzte Kategorie fällt aus Sicht vieler Gaildorfer hingegen die sehnlichst erwartete Umgehungsstraße. Zimmermann macht Druck: Regierungspräsident Wolfgang Reimer („Onkel Wolfgang“) bekommt einen USB-Stick samt frankiertem Rückumschlag in die Hand gedrückt, um endlich die Pläne für die Trassenführung ans Gaildorfer Rathaus zu schicken. Ob dieser Schachzug den Vorgang beschleunigen wird, werden die kommenden Wochen zeigen.

Landrat Gerhard Bauer soll wiederum ein Versprechen abgenötigt werden – nämlich, ein 400 Meter langes Stück Kreisstraße nach Hägenau zu sanieren. Dessen vage Antwort wird dann auch sogleich als Zusage ins Protokoll aufgenommen.

So nimmt sich der Gaildorfer Bürgermeister reihum ein gutes Dutzend Gäste vor, um ihnen in traditionell flapsig-überspitzter Art die Leviten zu lesen. Sohnemann Max hält fast bis zum Ende durch, muss dann aber doch mal raus an die frische Luft. Die übrigen Gäste bleiben sitzen – und spenden Zimmermann für dessen Rede kräftigen Applaus. Im Anschluss gibt’s für alle die traditionelle Pferdemarktwurst, dazu Weckle und Senf, Bier und Wein – und viele angeregte Gespräche über das, was der Gastgeber da gerade von sich gegeben hat.

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