Nach erfülltem Leben hat uns am Wochenende der Mann mit dem so schwer auszusprechenden Namen, den Generationen von Murrhardtern kannten, für immer verlassen. Murrhardt hat mit Hans Quayzin einen wahrhaftigen "Ehrenbürger" verloren. Er schenkte über Jahrzehnte der Stadt und den Menschen seine Zeit, sein Herz und seine Schaffenskraft.

Nur wenige Menschen können so viele Fragen aus Geisteswissenschaft, Geschichte, Kultur und Naturwissenschaft beantworten wie Hans Quayzin, das Multitalent. Seine Fähigkeiten setzte er meist nicht für sich, sondern zum Nutzen der Allgemeinheit ein, zur Erziehung der Kinder. Seine Begabungen und seine Fähigkeiten machten den Fotografen, Jugendarbeiter und Erfinder zu einem der beliebtesten Murrhardter, zumal ihm auch der sprichwörtliche Schalk im Nacken saß.

Geboren wurde Hans Quayzin am 27. März 1925 im Schloss in Militsch in Schlesien, obwohl seine Familie Wurzeln in Murrhardt, Stuttgart und - als Hugenotten - in Trelex am Genfer See hatte. Die Vorfahren kamen als Professoren und Gymnasiallehrer nach Stuttgart, zur Verwandtschaft zählten die Familie Hugendubel (Stuttgart) oder der schwäbische Genremaler Robert Heck (Reutlingen). Der Vater, der in Murrhardt Elisabeth Andler heiratete, erlangte als Baumeister und Architekt der Grafen von Maltzahn bald Berühmtheit und wurde als Baumeister nach Chemnitz zur Auto-Union berufen.

Der junge Hans freundete sich mit der späteren Widerstandskämpferin Maria von Maltzahn an und besuchte in Chemnitz das Gymnasium. In seiner Jugend erlebte er die Wirren des beginnenden Nationalismus und die Spannungen zwischen Deutschen und Polen. Mit 17 musste der junge Mann zum Arbeitsdienst und danach zum Militär. Der begeisterte Segelflieger und Modellbauer wurde 1942 Pilot, kam aber wegen Benzinmangels nicht mehr zum Einsatz.

Nach mehreren Fronteinsätzen in Frankreich wurde Quayzin verwundet - was für ein Schicksal! Denn er erfuhr in dieser Zeit, dass er eigentlich die Staatsbürgerschaft der Schweiz besaß und somit gar nicht hätte kämpfen müssen. Als Invalide nach Chemnitz entlassen, musste er feststellen, dass seine schlesische Heimat verloren war. Er zog nach Murrhardt, wo seine Tante Emma ein Kinderheim leitete. Hier lernte er die Arbeit mit kriegstraumatisierten Kindern kennen, veranstaltete Programme und führte Wanderungen.

Zuerst wusste Hans Quayzin gar nicht, was er mit den Kindern tun sollte in diesen Notzeiten. Und so baute er mit ihnen Zwergenhütten auf dem Linderst. Nach und nach konnte er den Lärm und die Schrecken des Krieges verarbeiten.

Nach 1950 arbeitete Quayzin in einigen Murrhardter Unternehmen - so bei Witte und Sutor - was ihm der Elektrik und Accu-Technik nahe brachte. Durch Tätigkeiten in einer Druckerei in Fellbach und in Kontakt mit den Fotografen Hirrlinger und Utz erwarb er seine großartigen Fertigkeiten im Foto- und Offsetdruck. Quayzin nutzte diese Kenntnisse und optimierte ein schon 1912 erfundenes System des Zweistufen-Entwicklerverfahrens, das er auf moderne Filme übertrug. Damals meldete Quayzin mehrere Patente für Entwickler- und Offsetverfahren an. Er wurde nun Industriefotograf und arbeitete für Murrhardter Unternehmen der Waagen- und feinmechanischen Industrie.

Bekannt wurde Hans Quayzin auch durch seine Fotos in zahlreichen Büchern, einige in Zusammenarbeit mit Autoren wie Thaddäus Troll oder Otto Heuschele. Seine Tätigkeit bei der Murrhardter Zeitung wurde nun zum Lebensinhalt. Generationen von Murrhardtern freuten sich täglich über die Bilder aus Stadt und Land - aus dem Blickwinkel und der Hand des Tüftlers Hans Quayzin, des Fotografen, Laboranten und Druckvorlagenherstellers, der alle für seine Tätigkeit erforderlichen Geräte selbst baute, Spezialverfahren zur Herstellung von Rasterbildern entwickelte und sein breites Fachwissen auch am Gymnasium in der Foto-AG weitergab.

Womit wir bei seinem breiten Engagement in der Jugendarbeit wären. Kaum ein anderer Murrhardter hat eine solch beachtliche Lebensleistung, ehrenamtlich und unbezahlt über Generationen hinweg für junge Leute erbracht. Zunächst war er als Leiter einer Albvereins-Jugendgruppe tätig. Die von ihm organisierten Zeltlager und Wanderungen wurden so beliebt, dass sich schnell ein eigenständiger Verein für Jugendwandern daraus entwickelte. Später engagierte er sich in Diensten der Volkshochschule. Kinderbasteln, Kunstfahrten, Exkursionen - das war sein Lebenselixier. Und dabei kümmerte er sich auch gern um Kinder aus sozial schwachen Familien.

Neben anderen Auszeichnungen erhielt Quayzin im Jahr 2007 für seine Lebensleistung die Bürgernadel der Stadt Murrhardt und 2008 den Bürgerpreis Rems-Murr. Der Mann mit den selbst gestrickten Pullovern und Mützen galt als Vorbild, als Philosoph. Er selbst bezeichnete sich als "fröhlichen Heiden", wobei er innerlich immer mit seiner Form des Glaubens, mit Angelus Silesius, seinem Lieblingskomponisten Heinrich Schütz oder Martin Luther verbunden war. Nicht zuletzt war ihm der Atomforscher Werner Heisenberg als Wissenschaftler und Wandervogel ein Vorbild. Noch wenige Wochen vor seinem Tod telefonierte er mit einem Atomphysiker, einem Jugendfreund, und diskutierte mit ihm über die Vor- und Nachteile von Kugelhaufenreaktoren und Schwerwasserreaktoren. Hans Quayzin, der das einfache Leben ohne Fleisch, Alkohol und Zigaretten in vollen Zügen genoss. Hirsebrei war seine Leibspeise, Malzbier seine Schwäche.

Sein Nachlass wird nun komplett in das Murrhardter Carl-Schweizer-Museum übergehen; sein Wille war, eine Stiftung zu gründen, in der seine Ideen und Impulse im Rahmen der Museumsarbeit weiterleben sollten.

Info Der Nachruf auf Hans Quayzin stammt aus der Feder von Christian Schweizer. Wir veröffentlichen den Text in leicht gekürzter Form.