Gaildorf Haspelhausen: ein Jubiläum ohne Jubilar

Der Haspelsee im Wald bei Winzenweiler. Dort war vor 500 Jahren ein Ort neu gegründet worden, der längst wieder verschwunden ist: Haspelhausen. Über die genaue Lage der Siedlung gibt es ebenso wenig Hinweise wie auf deren frühere Bewohner.
Der Haspelsee im Wald bei Winzenweiler. Dort war vor 500 Jahren ein Ort neu gegründet worden, der längst wieder verschwunden ist: Haspelhausen. Über die genaue Lage der Siedlung gibt es ebenso wenig Hinweise wie auf deren frühere Bewohner. © Foto: Clemens Weller
Gaildorf / Klaus Michael Oßwald 29.08.2018
Vor 500 Jahren wurde Haspelhausen bei Winzenweiler gegründet. Doch das Dorf ist bald danach wieder aufgegeben worden. Nur noch der Haspelsee erinnert an die einstige Siedlung.

Gaildorfs Bürgermeister Frank Zimmermann würde sicher eine leidenschaftliche Festrede halten und den 500 Jahre alt gewordenen Teilort Haspelhausen hochleben lassen. Unterdessen sorgten im vollen Festzelt die Haspelhäuser Landfrauen für die Verpflegung der vielen Jubiläumsgäste, während der FC Haspelhausen und der heimische Liederkranz Eintracht Haspelhausen mit Theaterstück und Chorkonzert zum Gelingen des Jubiläumsfests beitragen könnten …

Der Haken an der Geschichte: Ein Fest wird es nicht geben. Und deshalb muss des Bürgermeisters Rede auch nicht geschrieben werden. Landfrauen-, Gesang- und Sportverein Haspelhausen sind nie gegründet worden. Denn: Haspelhausen, im Jahr 1518 – also vor 500 Jahren – gegründet, gibt es nicht mehr. Das Dorf ist schon vor langer Zeit verlassen worden und untergegangen.

Zuletzt nur noch ein Bauer

Über den verschwundenen Ort gibt es nur spärliche Informationen. Von seinen einstigen Bewohnern ist gar nichts bekannt. Zuletzt soll dort nur noch ein Bauer gelebt und gearbeitet haben, wie der Lehrer und Heimatforscher Emil Dietz (1901-1966) in seiner 1961 veröffentlichten wissenschaftlichen Untersuchung über „Die Wüstungen der Limpurger Berge“ berichtet. Noch 1531 sei der Ort auf Gemarkung Eutendorf, unweit von Winzenweiler gelegen, bewohnt gewesen, ab 1541 verliert sich jedoch jede Spur menschlichen Lebens.

Dietz fand schließlich in den Komburg-Beständen des Hauptstaatsarchivs in Stuttgart und im Staatsarchiv in Ludwigsburg Hinweise darauf, dass die damalige Herrschaft Komburg dort, wo einst die Siedlung gestanden haben soll, einen großen See anlegen ließ – den heutigen Haspelsee. Das war im Jahr 1545.

Anhand der spärlichen Archivnotizen versuchte Emil Dietz, die Geschichte Haspelhausens so gut es ging zu ergründen. Dabei stieß er auf die Abschrift eines alten Dokuments aus dem Jahr 1095, das auch im Württembergischen Urkundenbuch vermerkt ist: Damals soll ein Heinrich von Mulfingen dem Kloster Komburg (Comburg) „villam Hagestaldeshusen“ geschenkt haben. Dieser Ort ist bereits im Mittelalter untergegangen, gilt aber – nach entsprechender Umbenennung – als Vorgängersiedlung des 1518 neu gegründeten Haspelhausen.

Schauplatz von Dreharbeiten

Emil Dietz stützt sich in seiner Einschätzung unter anderem auf alte Flurbezeichnungen: Der Wiederaufbau des Ortes sei im Wald „beim Haspelhauser Brunnen“ erfolgt. Darüber hinaus sei bereits im Jahr 1509 von Haspelhausen und dem „Haspelhauser Bach“ die Rede gewesen.

Heute ist das einstige Haspelhausen, von dem nur noch der Haspelsee kündet, ein beliebtes Naherholungsziel. Der idyllisch gelegene See, an dessen Ufer Wanderer und Radler gerne rasten, wird als Fischgewässer vom Fischereiverein Gaildorf betreut. Feste werden dort nicht gefeiert – ein Jubiläumfest „500 Jahre Haspelhausen“ schon gar nicht. Denn dazu fehlt nicht mehr und nicht weniger als der Jubilar.

Nur einmal in der Vergangenheit herrschte im und rund um den See rege Betriebsamkeit: Im Juni 2005 wurde dort eine kurze Szene für den Spielfilm „Margarete Steiff“ über das bewegte Leben der Gründerin der weltberühmten Steiff-Spielwarenfabrik gedreht. Und zwar eben die Szene, in der Margarete Steiff, gespielt von Heike Makatsch, mit dem Rollstuhl, an den sie von Kindheit an gefesselt ist, ins Wasser fährt, um sich das Leben zu nehmen.

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