Ausgerechnet Gaildorf! Mit der Erinnerung an diesen Stoßseufzer aus seiner Jugendzeit ließ Gerhard Schick, der Gründungsgesellschafter des Bechtle-Konzerns, vor fünf Jahren, als ihm just dieses Städtle die Ehrenbürgerwürde verlieh, aufhorchen. Sein spitzbübisches Lächeln verriet jedoch, dass diese Feststellung der Beginn einer wunderbaren Freundschaft war, die sich zur Heimatliebe entwickeln sollte.

„Ausgerechnet Gaildorf“

Dieses Gefühl ist ihm bis heute nicht abhandengekommen. Gerhard Schick, der weitblickende Unternehmer und unermüdliche Förderer des öffentlichen Lebens,  der am heutigen Dienstag seinen 80. Geburtstag feiern darf, fühlt sich in der kleinen Stadt am Kocher sehr wohl – daheim.

„Ausgerechnet Gaildorf!“ Als Gerhard Schick diese Worte entfuhren, war er gerade mal 17 Jahre alt und gewillt – was damals in ländlichen Gegenden mit Einschränkungen möglich war –, den Führerschein zu machen. Und weil damals ja auch das Verhalten an Verkehrsampeln, die es rund um Spiegelberg nicht gab, geübt werden musste, ging es mit dem Fahrschulauto nach Gaildorf. Dort nahm er rasch sein Urteil, wonach die Stadt „mit Brettern vernagelt“ sei, wieder zurück.

Den Führerschein in der Tasche, konnte der junge Mann fortan gesetzestreu zu seinem Arbeitsplatz bei der Spiegelberger Polstermöbelfabrik Laauser fahren, wo er gelernt hatte. Das vom Dorfpolizisten zunächst geduldete Schwarzfahren mit dem Motorrädle hatte ein Ende.

Wenige Jahre später wechselte Industriekaufmann Gerhard Schick zur Witte & Suttor GmbH nach Murrhardt, wurde „Herr der Zahlen“. Dort fühlte er sich, wie er später in dem Buch „Der Landkreis Schwäbisch Hall ganz persönlich“ (2015) schreibt, „in einem Bereich angekommen, in dem ich mich bis heute am wohlsten fühle“. Beharrlichkeit und Bodenständigkeit, neben absoluter Zuverlässigkeit für ihn die wichtigsten Werte, bildeten fortan eine unzertrennliche Einheit.

Gaildorf

Der Heimat treu geblieben

Schnell konnte sich der junge Mann durch harte Arbeit ein hohes Maß an Vertrauen sichern: Erst 23 Jahre alt, erteilte ihm die Chefetage Prokura. Bald standen ihm zur großen Welt der Wirtschaft Tür und Tor offen. Die Großstadt lockte, die Aussicht auf eine große Karriere. Ein entsprechendes Angebot für eine Stelle in der Vorstandsetage eines Unternehmens schlug er aus. Er wollte seiner Heimat treu bleiben.

Und er blieb es auch besagter Ampel in Gaildorf gegenüber: 1967 wechselte er, längst den Führerschein in der Tasche, zur Wilhelm Bott GmbH & Co. KG – in der geschichtsträchtigen Stadt, die er als „der Zeit voraus“ schätzen gelernt hatte. Und obwohl er seinen beruflichen Werdegang, wie er einräumt, nie langfristig plante, muss er geahnt haben, dass die Stadt sein Lebensmittelpunkt werden würde.

Zwei Jahre später ließen sich er und seine Ehefrau Ilse – mit ihr ist er inzwischen 56 Jahre verheiratet – in der Stadt nieder. Tochter Karin wurde 1970 geboren, 1972 wurde gebaut. Nun, als kaufmännischer Leiter und Geschäftsführer bei Bott, sah er keinen Grund mehr, wegzugehen.

In dieser Zeit war er beteiligt an der Gründung weiterer Gesellschaften unter dem Dach der Bott-Gruppe. Prägendster Moment war 1983 die Gründung der Bechtle GmbH für Informationstechnik – gemeinsam mit dem Heilbronner Hochschulprofessor Prof. Klaus von Jan und dem jungen Diplom-Ingenieur Ralf Klenk. Angetreten war das Trio mit seiner „Garagenfirma“ – was man heute als „Start-up“ bezeichnen würde –, um technische Software zu entwickeln. Aber man habe schnell erkannt, so Schick, dass Hard- und Software „Hand in Hand“ gehen müssten.

Ab 1994 widmete sich Gerhard Schick ganz der aufstrebenden Firma, die bereits ein Jahr später mit einem Umsatz von 100 Millionen Mark von sich reden machte und in den IT-Handel übers Internet einstieg. Ende März 2000 ging Bechtle mit Gerhard Schick als Vorstandschef an der Spitze an die Börse. Die Bechtle-Aktie war zunächst im sogenannten Neuen Markt gelistet und wurde bereits 2004 in den TecDax aufgenommen.

Gaildorfer Ehrenbürger Hermann Frasch Der Schwefelkönig aus dem Ofen

Gaildorf

Eine Erfolgsgeschichte

Die Bechtle-Erfolgsgeschichte nahm ihren Lauf. Deutschlands größtes und Europas zweitgrößtes IT-Systemhaus mit 75 Standorten in Deutschland, Österreich und der Schweiz sowie 24 IT-Handelsgesellschaften in 14 Ländern ist längst Umsatz-Milliardär und auch als Arbeitgeber auf Wachstumskurs. Die Unternehmensgruppe zählt fast 12.000 Mitarbeiter, Tendenz steigend. Rund um die Konzernzentrale in Neckarsulm, aber auch in Gaildorf, wo das „finanzpolitische Herz“ nach einer baulichen Erweiterung noch stärker schlagen soll.

Wohl verfolgt er nach wie vor die Sitzungen des Aufsichtsrats, ansonsten halte er sich zurück: „So gut wie das funktioniert“, sagt er, „kann man nicht bruddeln.“ Außerdem könne er sich „keinen besseren Vorstand vorstellen“.

Dass sich Gerhard Schick in Gaildorf trotz vollem Terminkalender auch ehrenamtlich – etwa als Ortschaftsrat und Vize-Ortsvorsteher in Eutendorf – und als großzügiger Förderer des öffentlichen Lebens bleibende Verdienste erworben hat, ist mehr als eine inhaltsschwere Fußnote in der Vita eines erfolgreichen Unternehmers. Ohne sein finanzielles wie ideelles Zutun gäbe es weder die Bürgerstiftung, die junge und leistungswillige Leute auf ihrem Bildungsweg in Richtung Zukunft unterstützt, noch das Ärztehaus, um nur wenige Beispiele zu nennen. Auch die Schüleraustausch-Projekte liegen ihm und der Schick-Familienstiftung am Herzen. Eines der Leuchtturmprojekte, das die Handschrift von Tochter Karin trägt, ist ein Bildungshaus in Tansania. Aber auch die ungarische Partnergemeinde Budajenö unterstützte er nach Kräften.

„Wir bleiben daheim“

Rathauschef Frank Zimmermann hätte zum Geburtstag des Ehrenbürgers gerne eine Feierstunde ausgerichtet. Und auch Gerhard Schick wäre gerne mit Familie, Weggefährten und Freunden zusammengesessen, um ein wenig zu feiern. Angesichts der Corona-Pandemie wird es nicht dazu kommen. „Wir bleiben daheim“, sagt der für ein hohes Maß an Selbstdisziplin und Bescheidenheit bekannte Altersjubilar entspannt. Isoliert fühle er sich jedoch nicht. Er habe ja die Natur vor der Haustür. Die genießt der frühere passionierte Jäger bei Spaziergängen mit seiner Frau.

Vom Bauernbub zum weitblickenden Weltbürger


Seine Wiege stand im kleinen Spiegelberger Teilort Großhöchberg: Dort wurde Gerhard Schick am 5. Mai 1940 geboren. Er wuchs auf einem Bauernhof auf – ohne den Vater, der bei Stalingrad vermisst wurde. Geld für den Besuch einer höheren Schule hatte die Familie nicht. Noch keine 14 Jahre alt, begann er bei der Spiegelberger Polstermöbelfabrik Laauser eine Lehre zum Industriekaufmann. 23-jährig wechselte er zur Witte & Suttor GmbH nach Murrhardt, dem Pionier und Technologieführer für ladbare Leuchten (mit der weltweiten Innovation „Accu Lux“). 1967 kam er zur Firma Bott nach Gaildorf und war dort bis 1994 kaufmännischer Leiter und Geschäftsführer. In dieser Zeit, 1983, gründete er zusammen mit Ralf Klenk und Prof. Klaus von Jan die Bechtle GmbH. Mit dem Gang an die Börse im Jahr 2000 leitete er die Bechtle AG als Vorstandsvorsitzender. Von 2004 bis 2012 hatte er den Vorsitz des Aufsichtsrats inne.

Engagement: Neben seiner beruflichen Tätigkeit engagierte sich Gerhard Schick von 1982 bis 2000 als Handelsrichter am Heilbronner Handelsgericht. 20 Jahre lang war er als Ortschaftsrat in Eutendorf aktiv, davon 14 Jahre als stellvertretender Ortsvorsteher. 1999 gab er den Anstoß zur Gründung der Bürgerstiftung Gaildorf, stattete diese mit einem ansehnlichen Grundkapital aus und sorgte auch für weitere Zustiftungen. Auch der Bau des Ärztehauses durch seine Tochter Karin geht auf seine Initiative zurück.

Ehrungen: Für vielfältige Verdienste erhielt Gerhard Schick hohe Auszeichnungen, etwa das Bundesverdienstkreuz am Bande oder die Wirtschaftsmedaille des Landes Baden-Württemberg. Die Stadt Gaildorf und ihre ungarische Partnergemeinde Budajenö verliehen ihm die Ehrenbürgerwürde.