Schwäbisch Gmünd Sinnliche Klänge

Mitglieder der Württembergischen Philharmonie Reutlingen spielen im Eröffnungskonzert des Kirchenmusikfesivals.
Mitglieder der Württembergischen Philharmonie Reutlingen spielen im Eröffnungskonzert des Kirchenmusikfesivals. © Foto: Ralf Snurawa
Schwäbisch Gmünd / Ralf Snurawa 18.07.2018
Die Württembergische Philharmonie Reutlingen eröffnet das Europäische Kirchenmusikfestival in Schwäbisch Gmünd. Sie zeigt, wie sinnlich ein Orchester klingen kann.

Mit allen Sinnen“ ist das Motto des diesjährigen Europäischen Kirchenmusikfestivals in Schwäbisch Gmünd. Zum Eröffnungskonzert am vergangenen Samstag zeigte die Württembergische Philharmonie Reutlingen unter der Leitung ihres neuen Chefdirigenten Fawzi Haimor, wie sinnlich ein Orchester klingen kann, das über sich selbst hi­nauswächst.

Zweifelsohne ist dieses Orchester eines der herausragenden Landesorchester Baden-Württembergs, doch Richard Strauss’ „Alpensinfonie“ ist eigentlich kaum in seinem Repertoire zu finden – zumal das Orchester normalerweise nicht die Größe von fast 130 Musikern umfasst, die Strauss für dieses Werk verlangt. Felix Mendelssohns nicht weniger sinnlich klingende vierte Sinfonie, die „Italienische“, schickten sie im hervorragend besuchten Heilig-Kreuz-Münster voraus.

Über federndem Holzbläserstakkato ließen die Violinen das lichte Hauptthema in aller Freiheit schwingen. Nicht minder gesanglich, aber wärmer getönt, folgten die Holzbläser mit dem Seitenthema. Entschiedenheit im Ausdruck bestimmte den spannungsreichen Durchführungsteil, dem Mendelssohn ein weiteres, schärfer formuliertes Thema angedeihen ließ.

Den langsamen Satz loteten die Musiker klangfarblich besonders schön aus. Das leicht klagende, choralartige Oboenthema wurde dabei der weichen Klarinettenmelodie gegenübergestellt. Sanft tänzelnde Eleganz folgte mit dem dritten Satz. Haimor, der auffallend zügige Tempi bevorzugte, gelang hier das Strukturieren der Legato-Bögen sehr schön. Klangschärfe sowie ein orchestrales Brodeln und Wühlen im rasanten Saltarello-Rhythmus sorgten für ein furioses Finale.

Nach der Durchsichtigkeit von Mendelssohns A-Dur-Sinfonie folgte der verschwimmende Strauss’sche b-Moll-Cluster zu Beginn von dessen „Alpensinfonie“. Bot Mendelssohns „Italienische“ die Vorstellung leichter mediterraner Sinnlichkeit, wog Strauss’ musikalische Naturschilderung schwer und gewichtig, als laste die gesamte Alpenlandschaft auf jedem einzelnen Menschen.

Haimor nahm mit seiner Interpretation etwas davon weg, schwelgte nicht übermäßig in Harmonien und Melodien. An einigen Stellen zeigte dies aber auch seine Schwächen. So hätte manche Passage, selbst manches Motiv, nuancierter wiedergegeben werden können. Dazu zählten sehr leise Momente wie das Oboensolo im Abschnitt „Auf dem Gipfel“. Der Oboist brachte den zögerlichen, leicht ängstlichen Ausdruck nicht recht zum Klingen. Und die laute Stelle beim „Eintritt in den Wald“ mit dem plötzlichen c-Moll-Akkord hätte ohne die kurze Tempoverzögerung davor viel stärker gewirkt.

Aber sonst boten die Musiker der Reutlinger Philharmonie lustvolles Musizieren voller Leidenschaft. Wundervoll klangen die Hornsoli wie auch das Horn-Fernorchester mit den Jagdklängen, aufgeweckt die Vogelrufnachahmungen, das Alm-Idyll oder die Stakkato-Tupfer der blumigen Wiese.

Spannungsreich und mit Lust an der Dissonanz erlebte das Publikum im Heilig-Kreuz-Münster „gefahrvolle Augenblicke“ genauso wie die schmerzhaft intensiv wiedergegebenen Blicke in den Sonnenuntergang. Aufgewühlt und fantastisch effektvoll ging auf die Zuhörer ein Sturm und Gewitter an Orchesterfarben nieder. Die klar tönende „Vision“ kippte herrlich in den dumpf klingenden „Nebel steigen auf“-Teil.

Der Gipfel-Erhabenheit des Orchesterklangs stand am Ende ein sehnsüchtiges Nachklingen in die Nacht hinein gegenüber. Insgesamt waren die Orchestermusiker über sich hinausgewachsen, was das Publikum mit lang anhaltendem Beifall und Bravorufen honorierte.

Info

Am Mittwoch, 18. Juli, wird in der Augustinuskirche in Schwäbisch Gmünd der Preis der Europäischen Kirchenmusik an den Gregorianik-Experten Professor Dr. Godehard Joppich verliehen. Dem geht ab 20 Uhr ein Konzert mit dem estnischen Kammerchor „Vox Clamantis“ unter der Leitung von Jaan-Eik Tulve voraus: mit gregorianischen Gesängen, aber auch Werken von John Dunstable, Gilles Binchois und Arvo Pärt. Weitere Infos finden sich unter www.kirchenmusik-festival.de.

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