Abtsgmünd Die Untergröninger Oberhex’

Gerrit Horlacher, die erste und unermüdlich amtierende Bierappel der Faschingsgesellschaft Untergröningen, zieht sich ihre rote Perücke auf. Sie ist zusammen mit ihrer weißen Schminke und einem weißen, bodenlangen Kleid ihr Markenzeichen.
Gerrit Horlacher, die erste und unermüdlich amtierende Bierappel der Faschingsgesellschaft Untergröningen, zieht sich ihre rote Perücke auf. Sie ist zusammen mit ihrer weißen Schminke und einem weißen, bodenlangen Kleid ihr Markenzeichen. © Foto: ka
Abtsgmünd / Cornelia Kaufhold 10.11.2018
Gerrit Horlacher hat am 11. 11. um 11.11 Uhr ihren großen Tag. Als Bierappel verkleidet entsteigt sie mit ihrer Hexenschar dem Schlosskeller. Am Aschermittwoch ist der Spuk vorbei.

Biertrinker kennen Bierappel als naturtrübes Pils. Die Lammbrauerei braut es für die fünfte Jahreszeit, denn die Sagengestalt ist das Markenzeichen des Untergröninger Faschings. Und den feiert das Dorf, das nicht mal katholisch ist, seit vielen Jahren ganz groß. Unter dem Kostüm jenes Schlossgeistes steckt Gerrit Horlacher. 1983 kam sie als Lehrling auf den Gschwendhof, einem Anwesen über dem Kochertal mit langer Tradition. „1489 wurde es erstmals urkundlich erwähnt“, sagt die Hausherrin. Sie lernte Landwirtschaft und Hauswirtschaft, besuchte die Winterschule und heiratete 1990 den Sohn ihres Lehrherrn. Zehn Jahre später kürte die Untergröninger Faschingsgesellschaft die gebürtige Plochingerin zu ihrer Bierappel.

Sie führt die Schlosshexen an, 15 Stück an der Zahl, darunter auch zwei Männer plus vier Kinder. „Sie haben halt ihre Jungen mitgebracht“, erklärt Gerrit Horlacher. Als Vorstand des Liederkranzes hat sie früher schon im Dorf Fasching gefeiert und Büttenreden gehalten. Als diese Ära zu Ende ging – „man muss halt immer wieder was neues bieten“ – haben die Sänger mit dem TSV und dem Musikverein die Faschingsgesellschaft Untergröningen gegründet. Das war 1997. Die Tradition hat in Untergröningen allerdings eine viel längere Geschichte, sie reicht bis in die 1920er-Jahre zurück. Die Figur der Bierappel haben die Untergröninger Karnevalisten erst zur Jahrtausendwende ins Leben gerufen. Seitdem amtiert Gerrit Horlacher als Untergröninger Oberhex’. Um ihre Garderobe muss sie sich in der fünften Jahreszeit keine Gedanken machen. Als Bierappel trägt sie ein bodenlanges, weißes Kleid mit Trompetenärmeln und die rote Perücke.

„Es macht mir Spaß“, sagt sie lachend. Ihre Büttenreden schreibt Martin Mehrer von der Faschingsgesellschaft „und wir liefern den Stoff“, verrät sie. Bei der Prunksitzung am Faschingssamstag und beim Rathaussturm an Weiberfasching steht sie in der Bütt und hat vorher ordentlich Lampenfieber. „Das ist so, auch wenn’s mir keiner glaubt.“ Die schwarzhaarige Frau mit den leuchtend blauen Augen schaut jetzt einmal ernst. Von ihrem Küchenfenster aus fällt der Blick in den großen Offenstall. 120 Milchkühe versorgt die Bierappel mit ihrem Mann im Vollerwerb. Er ist seit diesem Jahr zertifizierter Biolandbetrieb. Morgens um sechs, halb sieben beginnt ihr Arbeitstag und endet abends um wie viel Uhr? „Spät“, meint die Bäuerin lächelnd.

Die Kinder im Dorf kennen Gerrit Horlacher nicht nur als Bierappel, sondern auch als Eisverkäuferin. Seit 2004 stellt sie Bauernhofeis aus der Milch ihrer Kühe her und verkauft es auf Märkten und bei Festen.

Die diesjährige Faschingssaison wird für die Bierappel und ihr Gefolge in die Annalen eingehen. „Am 20. Januar haben wir den Ostalbumzug hier bei uns“, meint die 52-jährige Mutter dreier Kinder. Mit 3000 bis 4000 Hästrägern rechnet die Faschingsgesellschaft, plus Garden und Guggen. Dann wird Abtsgmünd kopfstehen. „Erstmals findet damit der Ostalbumzug in einer Gemeinde und nicht einer Stadt statt, da sind wir ganz stolz drauf.“

Die Sagengestalt Bierappel

Der Sage nach war die Bierappel Magd auf dem Schloss, das sich über dem Dorf am Kocher erhebt. Sie hatte die Aufgabe, für die Herrschaft Bier aus dem Schlosskeller zu holen. Ihre Tatkraft soll unter allzu häufigem Genuss des Gerstensaftes gelitten haben. „Sie tat ihre Arbeit mehr schlecht als recht“, heißt es in der Überlieferung. Deshalb wurde sie nach ihrem Ableben dazu verdonnert, fortan im Schloss zu spuken.

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