Crailsheim Die Überführung der Schnellzuglok 01 1104 von Crailsheim in die Werkstätten in Krefeld

Crailsheim / KLAUS RIEDER 20.07.2015
Am Anfang steht immer eine Idee. Die Dampfeisenbahner im Bahnbetriebswerk Crailsheim verwandeln mit viel Einsatz vermeintlichen Schrott in wahre Schmuckstücke der Ingenieurskunst.
Menschen mit einer neuen Idee gelten so lange als Spinner, bis sich die Sache durchgesetzt hat“ – dieses Zitat wird Mark Twain zugeschrieben. Unter den Dampfeisenbahnern in Crailsheim dürfte es keinen geben, der nicht schon mindestens einmal als Spinner bezeichnet wurde. Davon, dass mancher Mitbürger am Verstand der Crailsheimer Truppe zweifelt, haben sie sich aber noch nie abhalten lassen. Im Gegenteil: „Wir reden nicht, was wir alles mal vorhaben. Wir packen an und tun es“ – so könnte der nirgends notierte Leitspruch der Freizeit-Eisenbahner lauten. Es ist ihr Hobby. Es ist aber kein Spiel. Geballtes Fachwissen steckt in ihrer Arbeit.

Anspannung vor der großen Fahrt

Das schützt am Tag der Überführung der 01 1104 von Crailsheim nach Krefeld aber auch nicht vor einer gewissen Nervosität. Immerhin wurde die Lok in den vergangenen 40 Jahren maximal mit Tempo 30 bewegt. Der Überführungsfahrplan sah für die knapp 600 Kilometer lange Strecke im Schlepp der E-Lok nun 60 km/h vor. Doch nach den ersten Halten in Schnelldorf und Ansbach ließ die Anspannung bei der Begleittruppe nach: Die Lok lief, als wäre sie nie abgestellt gewesen. „Alle Lager kalt, alles geschmiert, alles schnurrt“, so Sandor Nicklich, der maßgeblich an der Reaktivierung der Schnellzugdampflok beteiligt ist. In Ansbach wurde die Fahrtrichtung gewechselt. Nun rollte die Dampflok direkt hinter der Elektrolok vorwärts Richtung Würzburg. Und weil die direkte Strecke über Gemünden nach Aschaffenburg an diesem Sonntag wegen Bauarbeiten gesperrt war, ging es für die nächsten 35 Kilometer auf die Schnellfahrstrecke (SFS) Richtung Fulda und durch die Nantenbacher Kurve mit ihrem 3914 Meter langen Schönraintunnel. Die 01 1104 ist vermutlich die einzige Dampflok, die je über eine SFS geschleppt wurde.
 

Versorgt wurde die Überführungsmannschaft aus ihrem Begleitwagen. Bei Schmier- und Überholungshalten tauschten die Begleiter die Plätze auf der Lok und im Wagen. Trotz der kurzen Nacht zuvor – Abfahrt war in Crailsheim um 6.12 Uhr – machte kaum einer in seiner Pause ein Auge zu. An Frankfurt vorbei ging es weiter nach Mainz. Es wartete der landschaftlich schönste Teil der Überführung. Auf der linken Seite ging es den Rhein entlang. Und überall winkten ihnen die Menschen zu – am Flussufer, in den Ortschaften, von den Ausflugsdampfern. Wie Eisenbahnfotografen waren sie begeistert von der Dampflok und dem angehängten Rheingold.

2016 soll die Lok zurückkehren

In Köln-Nippes wurden die Rheingold-Wagen abgehängt. Alleine mit der 01 1104 und ihrem Begleitwagen rollte die Fuhre auf dem Reststück weiter über Dormagen und Neuss nach Krefeld. Dort traf der Zug gegen 19 Uhr im Hauptbahnhof ein. Nach einer weiteren kurzen Nacht für die Mannschaft im Begleitwagen wurde die 01 1104 am Montagvormittag von einer Rangierlok ins Reparaturwerk gezogen, der Tender von der Lok abgehängt – um mit den Arbeiten gleich beginnen zu können.

Im Jahr 2016 – so die Hoffnung der Dampfeisenbahner – soll die Lok wieder nach Crailsheim zurückkehren – dann mit eigener Kraft und unter Dampf . . .
 



ZU HAUSE BEI DER BAHNBETRIEBSWERK CRAILSHEIM AG


Die Heimat der 01 1104 ist das Bahnbetriebswerk Crailsheim, dessen Eigentümer eine gemeinnützige Aktiengesellschaft ist. Diese wurde im September 2009 von verschiedenen Eisenbahnvereinen gegründet. Das Ziel: der Erwerb des Geländes von der Deutschen Bahn AG (was 2009 erfolgte) und der Ausbau bzw. Wiederaufbau der Anlagen, um historische Schienenfahrzeug aufarbeiten und betriebsfähig erhalten zu können. Bislang wurden durch die Bahnbetriebswerk Crailsheim AG rund 600 000 Euro in die Infrastruktur investiert. Ein wesentlicher Punkt war der Wiedereinbau einer Drehscheibe, die Verlegung von Gleisen und die Sanierung der Gebäude. Weitere Flächen und Gebäude in diesem Areal sollen erworben werden – die Verhandlungen mit der DB AG laufen bereits. Die Finanzierung des weiteren Ausbaus soll durch den Verkauf von Aktien erfolgen. Diese wurden von dem Crailsheimer Künstler Gerhard Frank entworfen.

Weitere Informationen:

Vor Ort: Samstags ab 14 Uhr.

Im Internet: 01 1104 (info@faszination-dampf.de), Bw Crailsheim AG (Museum-Bw-Crailsheim.de und <span class="externalemailtext">bwcrailsheim@web.de</span>), DBK Historische Bahn e.V. (dbkev.de), Miniaturdampfbahn Hohenlohe e.V. (www.mdbh-cr.de), Eisenbahnstiftung Jochim Schmidt (gemeinnützige Treuhandstiftung, <span class="externalwebaddresstext"> www.eisenbahnstiftung.de</span> ).
 

Die Baureihe 01.10 und die Odyssee der 01 1104

Baujahr: 1939 (1 Lok) und 1940 (54 Loks)
Geliefert: 55 Loks
Länge: 24.130 mm
Leistung: 1817 kw (2470 PS)
Gewicht: 192 Tonnen
Höchstgeschwindigkeit: 140 km/h (ursprünglich 150 km/h)

Die 01 1104 wurde am 18. September 1974 von der Deutschen Bundesbahn ausgemustert (als 012 106-6) und von dem englischen Arzt Dr. Peter Beet erworben. Von 1975 bis 1997 war die Lok in Steamtown Carnforth (England) ausgestellt. Als das Museum 1997 schließen musste , gelang es, die Lok wieder nach Deutschland zurückzubringen. Über Nördlingen und Heilbronn kam die Lok unter der Obhut des Vereins Faszination Dampf schließlich im Jahr 2010 nach Crailsheim. Die Möglichkeiten der Eigenleistung in Crailsheim waren erschöpft. Für Spezialarbeiten am Kessel und am Fahrwerk musste die 01 1104 in eine Eisenbahnwerkstätte nach Krefeld gebracht werden, die über die Spezialmaschinen verfügt.

JJS

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