Geschichte-Serie Die Spuren verlieren sich im Nichts

Gaildorf / Klaus Michael Oßwald 25.08.2018
Rundschau-Serie (6): Vor 400 Jahren begann der Dreißigjährige Krieg. Das Limpurger Land verlor die Hälfte seiner Bevölkerung. Ganze Siedlungen verödeten und verschwanden von der Landkarte.

Irgendwo in der Nähe von Sulzbach am Kocher muss einst die Eselsmühle gestanden haben. Das geht aus zwei Notizen in den alten Kirchenbüchern hervor, angefertigt in den Jahren 1609 und 1611. Danach gibt es keinerlei Hinweise mehr auf die kleine Siedlung, deren genaue Lage bis heute nicht eindeutig geklärt ist. Auch das Kernershöfle, in verschiedenen Schriften Kerlshöfle genannt, unterhalb des Laufener Heerbergs verliert sich mit all seinen Bewohnern spurlos im Nichts.

Umfangreiche Forschungsarbeit

Der Lehrer und Heimatforscher Emil Dietz (1901–1966, Foto) hatte in den 1950er-Jahren den Versuch unternommen, solchen „abgegangenen“ Orten, auch „Wüstungen“ genannt, nachzuspüren, ihre einstige Lage und ihr Schicksal zu erforschen. Das Ergebnis seiner umfangreichen wissenschaftlichen Arbeit, 1961 von der Kommission für geschichtliche Landeskunde in Baden-Württemberg als Sonderdruck herausgegeben, konzentriert sich hauptsächlich, so der Titel der Dokumentation, auf „Die Wüstungen der Limpurger Berge, der Frickenhofer Höhe und der Tannenburg-Adelmannsfelder Höhen“.

Auf Hunderte von Dörfern und Weilern, Mühlen und Höfen ist er gestoßen, die im und ums Limpurger Land seit dem Mittelalter von den Landkarten verschwunden sind. Für die Zeit des Dreißigjährigen Krieges, also zwischen 1618 und 1648, ermittelte er insgesamt 35 Ortschaften, die „zur Verödung gebracht“ wurden, darunter fünf bereits unbewohnte Mühlen. Zehn dieser Siedlungen blieben für immer verlassen. Ihre Lage konnte Emil Dietz nur teilweise – etwa durch vorgefundene Ackerspuren – einigermaßen bestimmen.

Aus den Chroniken verschwunden ist etwa das 1614 anstelle einer Wildscheuer errichtete Jägerhaus auf dem sogenannten Roggenland bei Eutendorf. Emil Dietz fand einen letzten Hinweis auf diese Kleinstsiedlung in den Aufzeichnungen der Kirche: Von einem Forstknecht ist letztmals im Jahr 1630 die Rede. Verfallen und verlassen waren die Teuerzer Sägmühle, die Klingenbach-Sägmühle bei Säghalde oder die 1645 aufgegebene Rudolfsmühle bei Gaildorf. Alle drei Wohnplätze wurden später wieder aufgebaut.

Ähnlich die Situation in Uhlbach, heute Gemeinde Sulzbach-Laufen. Sämtliche Gebäude waren nach dem Krieg verfallen. Nach dem Wiederaufbau war die Hofanlage nachweislich ab 1669 wieder bewohnt. Anders die Siedlung Altenberg, am südlichen Abhang des Altenbergs gelegen, wo heute der Altenbergturm steht. Der Ort wird 1637 zum letzten Mal genannt. Laut Dietz war das Hauptgebäude im Jahr 1660 verschwunden. Auch das Gut Reitegerten, zwischen Trögelsberg und Säghalde wurde 1637 endgültig aufgegeben. Die Flurnamen Breit­äcker und Reutegart sollen auf die einstige Lage hinweisen.

Heimatforscher Dietz, der jahrelang für seine Arbeit geforscht hatte, nahm sich während seiner ungezählten Wanderungen und Archivrecherchen auch den Raum Gschwend und die Frickenhofer Höhe vor. Nördlich von Rübgarten stieß er dabei auf Hohenreuten oder Hohreitten, das 1635 noch bewohnt gewesen und danach untergegangen sein soll. Verschwunden auch der Kleine Erkertshof, im Volksmund Frankenhöfle genannt – an dessen Stelle steht heute die Rappenhof-Anlage –, die 1639 verlassene Siedlung Tiergarten oder das erst 1634 errichtete und bereits fünf Jahre später wieder abgebrochene Mühlenrain.

Ungeklärte Schicksale

Ein anderes, kaum erforschtes Beispiel ist die Siedlung Wolkenstein bei Altschmiedelfeld, die Anfang des 16. Jahrhunderts auf den Trümmern der gleichnamigen Burg errichtet und 1635 vorübergehend verlassen war. Reste finden sich noch heute im Wald.

Was ist mit den Menschen passiert, die dort in Friedenszeiten gelebt haben? Wer die Kriegsgemetzel, später die Pest und die grassierende Hungersnot überlebt hatte, wagte sich entweder an den Wiederaufbau oder suchte auswärts sein Auskommen. Am Beispiel des Pfarrdorfes Eutendorf wird deutlich, wie sich mancherorts die Bevölkerung entwickelt hat. Lebten vor dem Krieg im Hauptort und in den umliegenden Weilern 612 Menschen, so waren es nach 1640, also noch vor dem sogenannten Westfälischen Frieden, nur noch 288, wie der Gschwender Pfarrer und Historiker Heinrich Prescher in seiner monumentalen Beschreibung der Reichsgrafschaft Limpurg (Band 2, 1790) berichtet.

Wobei es den Eutendorfern gelungen sei, alle Einwohner „mit ihrem Vieh und aller Haabe, ohne einen einzigen Menschen im Ort zurück zu lassen“, in einem „abgelegenen Ort im dicken Wald, die Geißklinge genannt“, zu verstecken. Viele wollten danach nicht mehr in ihr Heimatdorf zurückkehren …

Info Im nächsten Teil unserer Serie berichten wir unter anderem, wie Gaildorf kurz vor Kriegsende eine weitere Plünderung drohte. Und wie im Limpurger Land schließlich das Ende des Gemetzels gefeiert wurde.

Nach den Wirren des Krieges: Neues Leben im Geisterdorf

Winzenweiler, mit 100 Einwohnern einer der kleinsten Gaildorfer Teilorte, wird im Zusammenhang mit dem Dreißigjährigen Krieg immer wieder in den regionalen Chroniken genannt. Nicht etwa im Zusammenhang mit besonderen Ereignissen, sondern weil die Menschen, die damals in den 1630er-Jahren in der Siedlung gelebt hatten, plötzlich spurlos verschwunden waren. Sämtliche Einwohner hatten sich vor den einfallenden kaiserlichen Truppen in Sicherheit gebracht. Lange Zeit war das Dorf verlassen, Plünderung und Verfall preisgegeben. Anders als das benachbarte Haspelhausen, das mehr als 100 Jahre zuvor vollständig und endgültig untergegangen war, wurde der Ort erneut besiedelt. Vermutlich seiner strategisch günstigen Lage wegen: an der Kreuzung der einstmals wichtigen Kohlenstraße mit der Landstraße von Gaildorf nach Crailsheim. Bereits 1449 war das kleine Winzenweiler, das damals nur sieben Häuser zählte, einer Feuersbrunst zum Opfer gefallen und zu einer „Öde“ geworden. Ende des 15. Jahrhunderts wurde der Ort von der Herrschaft Comburg neu gegründet, zunächst als einzelnes Gehöft, wie der Gaildorfer Lehrer und Heimatforscher Emil Dietz vor etwa 60 Jahren nach umfangreichen Recherchen feststellte. kmo

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