Europäisches Kirchenmusikfestival Sinnlichkeit Schützscher Klangfarben in Gmünd

Bassist Felix Schwandtke (links) und die Tenöre Tobias Mäthger und Georg Poplutz, davor der Theorbenspieler Stefan Maass vom Dresdner Barockorchester, dahinter Sängerinnen und Sänger des Dresdner Kammerchores beim Konzert im Heilig-Kreuz-Münster.
Bassist Felix Schwandtke (links) und die Tenöre Tobias Mäthger und Georg Poplutz, davor der Theorbenspieler Stefan Maass vom Dresdner Barockorchester, dahinter Sängerinnen und Sänger des Dresdner Kammerchores beim Konzert im Heilig-Kreuz-Münster. © Foto: Ralf Snurawa
Schwäbisch Gmünd / Ralf Snurawa 03.08.2018
„Mit allen Sinnen“, das Motto des Europäischen Kirchenmusikfestivals, spüren der Dresdner Kammerchor und das Barockorchester im Gmündner Heilig-Kreuz-Münster der Schützschen Musik nach.

Vergangenen Samstag waren es die Klangfarben einiger Vokalwerke von Heinrich Schütz, die der Dresdner Kammerchor und das Dresdner Barockorchester unter der Leitung von Hans-Christoph Rademann zum Schillern brachten.

Rademann, mittlerweile auch Nachfolger von Helmuth Rilling bei der Internationalen Bachakademie Stuttgart, wurde vor zwei Jahren in Schwäbisch Gmünd mit dem Preis der Europäischen Kirchenmusik geehrt. Nach wie vor sind Rademann und der Dresdner Kammerchor an der Gesamteinspielung von Heinrich Schütz’ Werken beim Carus-Verlag zugange.

Eher selten zu hörende Stücke

Die im Heilig-Kreuz-Münster vorgestellten Werke zählen dabei zu den eher seltener zu hörenden Kompositionen des thüringisch-sächsischen Komponisten. Zum größten Teil waren es Kompositionen, die in der Zeit des Dreißigjährigen Krieges entstanden sind.

Dazu gehörte ein geistliches Konzert, das zwischen 1619 und 1629 komponiert worden sein dürfte: „An den Wassern zu Babel“. Die Wiedergabe der Vertonung des 137. Psalms zeigte besonders aparte Klangfarbenwechsel zwischen einer Gruppe von drei Tenören, die von vier Posaunen und der Orgel begleitet wurden, und einer Gruppe von zwei Sopranen und Bass mit Theorbenbegleitung.

Auf der einen Seite herrschte dumpfe, dunkle Tongebung vor: Da ging es ums Weinen und die Gedanken in der Gefangenschaft an die Heimat. Auf der anderen Seite lichtete sich der Klang: „Lieber, singet uns ein Lied von Zion“. Gemeinsam klangen die beiden Gruppen packend kraftvoll zu „Rein ab, rein ab, bis auf ihren Boden“. Diese Form des Gegenüberstellens fand sich auch im „Da pacem, Domine“, das Schütz für den Kurfürstenkonvent im Jahr 1627 in Mühlhausen geschrieben hatte. Repräsentativ festliche Musik war für diesen Lobgesang auf die Fürsten bestimmend, wobei schöne Stereoeffekte zwischen linkem Vokalquintett und rechtem Vokalquartett entstanden, beide begleitet von Violin- und Gambentönen. Durch das Ineinandergreifen der Stimmen ergaben sich wundervoll klangliche Überlagerungen.

Noch größere Besetzung

Diese Art der Klangpracht wurde nur noch durch eine noch größere Besetzung übertroffen, wie man sie etwa zu „Herr, unser Herrscher“ hören konnte, eine vor 1625 entstandene Vertonung des achten Psalms. Da griff der Dresdner Kammerchor dann mit ins Geschehen ein. Vokalsolistische Momente wie die schöne tonsymbolische Ausdeutung der „wilden Thier“ im Stimmendurcheinander boten Abwechslung dazu.

Prachtvoll im Ton waren auch die beiden darum herum angestimmten Stücke. Der Lobgesang „En novus Elysiis“ aus dem Jahr 1621 – wie auch das später aufgeführte „Teutoniam dudum belli“ mit seinen sich tonsymbolisch überhäufenden „Gaudia mille“-Wiederholungen (tausendfach Freude) zur Huldigung der schlesischen Stände in Breslau komponiert – wirkte noch wie ein Werk des italienischen, venezianischen Frühbarocks. „Auf dich, Herr, traue ich“ brachte großartig doppelchörige Passagen.

Dagegen bestimmten den „Gesang der drei Männer im feurigen Ofen“ Wechselgesänge, wobei das ständig wiederholte „Preiset und rühmet ihn ewiglich“ zu soghafter Überhöhung führte. Kraftvoll intoniert und packend durch das imitatorische Verweben der Stimmen gegen Ende der Komposition erschien dagegen die Vertonung des 85. Psalms beim Eingreifen des Kammerchors gen Ende.

Ähnlich klangprächtig klang es am Ende des Konzerts mit „Wo der Herr nicht das Haus bauet“ und „Nun danket alle Gott“. Schön wurden in Letzterem der Abschnitt zu „Er gebe uns ein fröhlich Herz, und verleihe immerdar Friede“ hervorgehoben. Ein wenig fühlte man sich da schon wie bei einem Konzert mit Rückblick auf den vor 400 Jahren begonnenen Dreißigjährigen Krieg – und wie froh ein Komponist wie Schütz war, dass er zwei Jahre nach dessen Ende dieses Stück zum Friedensfest in Dresden schreiben konnte.

Die acht Vokalsolisten des Abends begeisterten mit der an historischer Aufführungspraxis orientierten Koloraturen, ebenso wie zum perfekt abgestimmten imitativen, mehrstimmigen Vortrag. Für sie wie für den Dresdner Kammerchor, das Dresdner Barockorchester und Dirigent Hans-Christoph Rademann gab es lang anhaltenden Beifall für die exzellente Interpretation der Schütz’schen Musik.

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