Gaildorf / Klaus Michael Oßwald  Uhr
Die Gaildorfer Zukunftswerkstatt darf einen Teilerfolg verbuchen. Ab Juni können einige Züge am Westbahnhof auf Gleis 1 verkehren. Lob kommt aus dem Verkehrsministerium.

Sie hat lange auf sich warten lassen, aber sie hat es in sich, die Antwort aus dem Verkehrsministerium in Stuttgart auf ein Schreiben von Gabi Schagemann. Die Buchhändlerin hatte sich Mitte Juni 2018 als Sprecherin der Zukunftswerkstatt Gaildorf unter anderem an Minister Winfried Herrmann gewandt und dafür geworben, den Zugverkehr am Westbahnhof künftig – der Barrierefreiheit wegen – über Gleis 1 abzuwickeln.

Nun darf die Arbeitsgruppe innerhalb der Zukunftswerkstatt tatsächlich einen Teilerfolg verbuchen: Ab Sommer könnten nämlich einige Züge über Gleis 1 abgefertigt werden, wie Gerd Hickmann, der Leiter der Abteilung Öffentlicher Verkehr im Ministerium, Gabi Schagemann wissen lässt.

In ihrem Schreiben hatte die Zukunftswerkstatt das Ziel formuliert, sämtliche Züge in Gaildorf West über das erste Gleis verkehren zu lassen. Nicht aus einer Laune heraus, sondern aus triftigem Grund, wie damals Hans Rzesnitzek von der Arbeitsgruppe das Anliegen auf den Punkt brachte: „Der Bahnhof muss barrierefrei werden!“

Ist das Konzept der Zukunftswerkstatt Gaildorf für einen barrierefreien Bahnhof umsetzbar? Die Abgeordnete Niemann hakt in Stuttgart nach.

Ungepflegte Unterführung

Dadurch lasse sich, wie es dem Brief ans Verkehrsministerium weiter heißt, der umständliche Weg durch die Unterführung zu den Gleisen 2 und 3 vermeiden. Diese hatte die Bahn vor mehr als 17 Jahren, heftiger Kritik zum Trotz, nicht barrierefrei bauen lassen. Das heißt, dass beispielsweise Eltern mit Kinderwagen, Rollstuhlfahrer und ältere Menschen mit Reisegepäck nur unter größten Schwierigkeiten – im ungünstigsten Fall überhaupt nicht – den Zug erreichen können.

Ein weiteres Problem: Die meist ungepflegte Unterführung ist, wie Hans Rzesnitzek einmal bemerkte, „für ankommende Reisende optisch und geruchsmäßig keine schöne Begrüßung“. Im Winter seien die Treppen verschneit und vereist, Frauen und Mädchen hätten ab Einbruch der Dunkelheit Angst, den Fußgängertunnel zu nutzen.

Also konzentrierte sich der Ansatz der Zukunftswerkstatt auf das erste, direkt am Bahnhofsgebäude liegende Gleis. Dadurch könne Barrierefreiheit hergestellt werden. Einen ersten Dämpfer hatten die „Werkstättler“ gleich zu Beginn ihrer Initiative zu verkraften. Die Deutsche Bahn AG war dagegen: Gleis 1 werde als Überholgleis für den Güterverkehr benötigt und sei auf der eingleisigen Strecke unverzichtbar, ließ damals ein Sprecher des Unternehmens auch unter Hinweis auf die zu geringe „Bahnsteignutzlänge“ verlauten.

Ähnlich argumentiert jetzt das Verkehrsministerium: Bei Zugfahrten, die sich im Westbahnhof begegneten, sei eine Verlegung von Gleis 2 auf Gleis 1 nicht möglich. Aber es gibt einen Kompromiss: Die in Gaildorf endenden und beginnenden Züge könnten ab 9. Juni über Gleis 1 verkehren. Dabei handelt es sich um jeweils sieben Züge.

Die Zukunftswerkstatt will Vorschläge des Masterplans umsetzen. Ein Schwerpunkt ist die Attraktivität des Freibads.

Nicht für alle Züge möglich

Warum das für alle übrigen Verbindungen nicht möglich ist, hat laut Ministerium mehrere Gründe. Obwohl auf den ersten Blick auch längere Züge an diesem Bahnsteig halten könnten, stünden für den Fahrgastwechsel nur 96 Meter zur Verfügung. Dabei habe eine Einheit – wenn zwei Fahrzeuge zusammengekuppelt würden – eine Länge von etwa 145 Metern. Diese Züge, so das Ministerium, dürften dann nicht über Gleis 1 verkehren. Zusätzlich müsse für Züge, „die nicht in Gaildorf enden und wenden“, berücksichtigt werden, dass die Einfahrgeschwindigkeit sehr niedrig sei. Der jeweilige Zug dürfe über einen längeren Abschnitt nicht schneller als 40 Kilometer pro Stunde fahren, „sodass die verlängerte Fahrzeit das Fahrplangefüge negativ beeinflusst“.

Weitere Hoffnung keimt auf im letzten Teil des Schreibens: Gerd Hickmann nennt den neuen Bundesverkehrswegeplan, in dem der Ausbau der Murrbahn höchste Priorität genießt. Dazu würden derzeit neue Betriebskonzepte für die Strecke entwickelt. Inwieweit dann weitere Fahrten über Gleis 1 möglich seien, lasse sich „nach heutigem Stand noch nicht abschätzen“. Das Ministerium werde aber darauf achten, dass auch in Zukunft dieses Gleis häufiger genutzt werde. Hickmann dankt in diesem Zusammenhang der Zukunftswerkstatt für ihr Engagement, ebenso der Haller Grünen-Landtagsabgeordneten Jutta Niemann, die sich „sehr für die Sache eingesetzt“ habe.

Zunächst skeptisch gewesen

Martin Schumacher, Sprecher der Zukunftswerkstatt, räumt ein, dass er „anfangs sehr skeptisch“ gewesen sei, was die Erfolgsaussichten anbelangt. „Umso mehr freut es uns jetzt, dass es uns gelungen ist, das Bahnfahren von und nach Gaildorf West attraktiver zu machen.“ Das sei für alle Beteiligten „eine super Sache“. Auch Gabi Schagemann freut sich „riesig über diesen Teilerfolg“. Und sie sichert zu: „Wir bleiben dran am Thema, auch wegen der Toiletten“ – die es am Bahnhof nach wie vor nicht gibt.

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Info

Folgende Züge könnten auf Gleis 1 verkehren: Ankommend um 8.27, 9.27, 10.27, 11.27, 13.27, 14.27 und 15.27 Uhr; abfahrend um 8.32, 9.32, 10.32, 11.32, 13.32, 14.32 und 15.32 Uhr.