Vor 300 Jahren zog ein mehr als 600 Mann starkes preußisches Bataillon aus Gaildorf ab. Zwei Monate hatte es die Stadt besetzt gehalten, um Erbansprüche des preußischen Königs durchzusetzen. An jenem 13. Februar 1714 war der Streit um das Erbe aber noch nicht zu Ende; der sollte noch weitere 32 Jahre dauern.

Um zu verstehen, warum das preußische Heer am 9. Dezember 1713 in Gaildorf einrückte, muss man die Zeit bis 1690 zurückdrehen. Damals, am 12. Mai, starb mit Wilhelm Heinrich die Linie Limpurg-Gaildorf aus. Auf sein Erbe erhoben die beiden letzten Limpurger Ansprüche - nämlich Vollrath, Regent zu Sontheim, und dessen jüngerer Bruder Georg Eberhard, Regent von Speckfeld. Doch die beiden Brüder konnten sich nicht einigen, so dass der Erbstreit sich zu einem Rechtsstreit vor dem Kaiser und dem Reichshofrat in Wien entwickelte. Dieser endete mit der Teilung der Stadt Gaildorf und des dazugehörigen Herrschaftsgebietes.

Damals zeichnete sich bereits ab, dass das Ende des Hauses Limpurg bevorstand, da die letzten Limpurger "nur" (Erb-)Töchter hinterließen. Am kaiserlichen Hof ging man davon aus, dass die gesamten Limpurgischen Besitzungen in Reichslehen bestünden. Und die sollten nach dem Tod des letzten männlichen Limpurgers erneut verliehen werden. Da Kaiser Leopold I. dem damaligen Kurfürsten Friedrich von Brandenburg (seit 1701 König von Preußen) noch einen Gefallen schuldig war, erhielt dieser 1693 ein kaiserliches "Expektanzdekret" auf das Limpurgische Reichslehen.

Doch Georg Eberhard wollte seine drei noch lebenden Töchter nicht unversorgt wissen. Darum suchte er die Nähe des Preußenherrschers, der den Limpurger schließlich zu seinem Generalmajor ernannte. Im Gegenzug versprach Georg Eberhard, nach seinem Tod seine "Lande" an Preußen zu vermachen. Damit war allerdings der Bruder Georg Eberhards überhaupt nicht einverstanden, und somit zogen die Brüder erneut vor Gericht.

Noch vor Verkündung eines Urteils starb Georg Eberhard im April 1705 und schließlich am 19. August 1713 mit Vollrath der letzte männliche Limpurger. König Friedrich Wilhelm I. von Preußen, als "Soldatenkönig" bekannt geworden, erhob Ansprüche auf das ganze Limpurger Herrschaftsgebiet und schickte am 23. August den Geheimen Rat, Freiherr von Böhringer nach Gaildorf, der die Besitzübernahme regeln sollte.

Am Vorabend des zweiten Advents, am 9. Dezember 1713, erreichten schließlich preußische Truppen unter dem Befehl des Obristleutnants von Waldau die Stadtgrenze und begehrten Einlass. Nach kurzen Verhandlungen wurden die Tore geöffnet, "und die Krieger zogen in guter Ordnung ein", wie der Gschwender Historiker und Pfarrer Heinrich Prescher schrieb. Der Stab und zwei Kompagnien blieben in der Stadt, während die anderen aufs Umland verteilt wurden.

Gegen dieses Vorgehen protestierten aber die Limpurgischen Erbtöchter und deren Ehemänner, die nun den Schutz des Kaisers in Wien erbaten. Daraufhin setzte Kaiser Karl VI. den Limpurger Erbstreit erneut auf das Tagesprogramm; er konnte jedoch vorab erwirken, dass die preußischen Truppen am 13. Februar 1714 die Stadt und das Land verließen.

Am 25. Februar 1714 rückte eine kaiserliche Kommission ein, die die Verwaltung in und um Gaildorf bis zu einer endgültigen Rechtsprechung regelte. Und das Ende des Erbprozesses ließ auf sich warten: Erst am 15. August 1746 waren die Besitzverhältnisse der ehemaligen Limpurgischen Besitzungen neugeordnet; der Erbstreit endete in einem Vergleich.

Info Die Autorin dieses Beitrags, Dr. Heike Krause, ist Stadtarchivarin in Gaildorf.

Der "Soldatenkönig", der Gaildorf besetzen ließ