Naturstromspeicher Die Großbaustelle bekommt ein zweites Kapitel

Blick von einem der Aktivbecken in mehr als 40 Metern Höhe über die Limpurger Berge. Im Hintergrund sind zwei weitere Anlagen zu sehen. Schon bald kommen die Windräder auf die Becken.
Blick von einem der Aktivbecken in mehr als 40 Metern Höhe über die Limpurger Berge. Im Hintergrund sind zwei weitere Anlagen zu sehen. Schon bald kommen die Windräder auf die Becken. © Foto: Jochen Höneß
Gaildorf / Jochen Höneß 22.07.2017
Die Arbeiten laufen, die Prognosen sind gut, macht Geschäftsführer Alexander Schechner im Gaildorfer Gemeinderat deutlich. Doch an einem der vier Standorte wird der ursprüngliche Zeitplan nicht gehalten. Im Rathaus ist man wenig begeistert.

Dass der Geschäftsführer der Naturspeicher GmbH vor dem Gaildorfer Gemeinderat spricht, ist nicht ungewöhnlich. Das Großprojekt auf der Anhöhe vor den Toren der Stadt wächst buchstäblich immer weiter in die Höhe; jeden Tag lässt sich ein bisschen besser erahnen, welche Dimensionen der Naturstromspeicher einmal annehmen wird. Somit hat Alexander Schechner eine Menge zu erzählen, als er am Mittwochabend im Kernersaal der Limpurghalle vor das Gremium tritt. „Status Naturstromspeicher Gaildorf“ ist seine digitale Präsentation überschrieben.

Doch im Verlauf der Präsentation wird klar: Es geht nicht nur um ein einfaches Update. Der „Status“ weicht nämlich an einem bestimmten Punkt erheblich von der ursprünglichen Planung ab. Die Windenergieanlage (WEA) 2, führt Schechner aus, wird zunächst ohne Passivbecken errichtet – also bleibt es dort im Gegensatz zu den anderen drei Standorten erst einmal bei einem Wind­rad. In einem bis fünf Jahren soll dann das Passivbecken hinzukommen. Ein Aktivbecken braucht es an diesem Standort wegen des Höhenunterschieds zum Unterbecken nicht (Erläuterungen: siehe Infokasten).

Der Grund für die Verzögerung: Die Technik für die Becken entwickelt sich ständig weiter. Und die Projektleitung möchte an diesem Standort den nächsten Innovationssprung mitnehmen. Das bedeutet nichts anderes, als dass es nach der geplanten Fertigstellung Ende 2018 erneut eine Baustelle im Forst geben wird.

„Zunächst natürlich überrascht“

An der Rathausspitze ist man davon alles andere als begeistert – zumal die Information über diese Verzögerung offenbar zuerst bei einer Baustellenführung für Rathausmitarbeiter transportiert und erst im Nachgang die Verwaltungsspitze – und nun der Gemeinderat – in Kenntnis gesetzt wurden. Zwar betont Bürgermeister Frank Zimmermann in der Ratssitzung, man könne täglich beobachten, dass die Baustelle „gut läuft“. Doch vom neuen Zeitplan für die WEA 2 sei man „zunächst natürlich überrascht“ gewesen. „Sehr deutlich“ habe er gegenüber Schechner angesprochen, dass für Gaildorf keine finanziellen Nachteile entstehen dürfen. Die WEA 2 ist die einzige Anlage, die sich auf städtischem Grund befindet. Zudem sei es „suboptimal“, dass die Baustelle nicht in einem Zug fertiggestellt wird. Zimmermann abschließend: „Wir nehmen das zur Kenntnis, aber Sie gleichzeitig auch beim Wort, dass das Gesamtprojekt wie geplant durchgezogen wird.“

Das, so Schechner, stehe absolut nicht zur Debatte. „Gaildorf kommt in der Energiewende mit dem Naturstromspeicher ganz nach vorne!“ Die Anlage werde eines der weltweit modernsten Kraftwerke zur Erzeugung erneuerbarer Energie. Für das Jahr 2016 habe man die Erlöse simuliert, wie sie ausgefallen wären, wäre die Anlage zu dieser Zeit schon fertig und am Netz gewesen: Sie hätten jenseits von 6,5 Millionen Euro gelegen.

Neuartiges Druckrohr

An den anderen Standorten, führt der Geschäftsführer weiter aus, geht es wie geplant voran. WEA 3 bis 5 sind vorbereitet für die Montage der Windkraftanlagen; auf Anlage 3 steht ein erster Hochbaukran. Für den Anschluss des Unterbeckens sei ein neuartiges, flexibles Druckrohr aus ­Polyethylen in der Entwicklung, das mit einem „mikroinvasiven Eingriff“ verlegt werden könne. Und die geologischen Untersuchungen am Unterbecken hätten ebenfalls zufriedenstellende Ergebnisse gebracht. Schechners Fazit: „Es läuft nach Fahrplan, es läuft wie am Schnürchen.“

Im Gaildorfer Rathaus will man derweil prüfen, ob der neue Zeitplan für die WEA 2 vertragliche Anpassungen erforderlich macht. Eine neue Baugenehmigung wird es wohl auch brauchen, da die aktuelle nur für drei Jahre gilt. „Wir haben ein Interesse daran, dass der Naturstromspeicher gut wird“, fasst Frank Zimmermann gegenüber unserer Zeitung zusammen. „Insofern ist es nachvollziehbar, dass man hier auf den nächsten Innovationsschritt wartet. Aber natürlich ist das vom zeitlichen Ablauf her ungeschickt.“

Der Naturstromspeicher kompakt erklärt

Pilotprojekt Der Gaildorfer Naturstromspeicher wird aus vier Windrädern bestehen, deren Unterbau als Wasserspeicher mit Aktiv- und Passivbecken dient. Die Aktivbecken sind dabei auch eine Sicherung gegen etwaige Wasserdruckspitzen im Leitungssystem. Sie sind mit einem Pumpspeicherkraftwerk in der Kocheraue verbunden. Als Wasserreservoir dient das Unterbecken. Die Windgeneratoren haben eine Leistung von jeweils 3,4 Megawatt, der Pumpspeicher liefert 16 Megawatt.
Die weltweit einmalige Anlage ist als Pilotprojekt konzipiert. Sie soll dazu dienen, Dellen und Spitzen im Stromnetz auszugleichen. Bei Bedarf produziert sie Strom, Überschüsse nutzt sie wiederum, um die Wasserspeicher aufzufüllen. rif/johö

Themen in diesem Artikel
Zurück zur Startseite Zum nächsten Artikel