Geschichte Die Fachwelt schielt nach Ottendorf

Gaildorf-Ottendorf / Klaus Michael Oßwald 08.06.2018
Der vor 110 Jahren errichtete Vorgängerbau der B-19-Brücke über den Kocher wird 1945 gesprengt. Die Konstruktion gilt heute noch als ingenieurtechnisches wie architektonisches Meisterwerk.

Abgeschlossen sind die Arbeiten zur neuerlichen Sanierung der Kocherbrücke in Ottendorf – früher auch zur Unterscheidung von der „oberen“ Kocherbrücke Niederndorfer oder „untere“ Kocherbrücke genannt. Rund 250 000 Euro hat das Ganze gekostet. Das Bauwerk – inzwischen 70 Jahre alt und zweckmäßiger Abklatsch eines früher dort errichteten Meisterwerks – soll nun wieder für ein paar Jahre dem starken Verkehr auf der Bundesstraße 19 zwischen Gaildorf und Schwäbisch Hall standhalten.

Allerdings dürfte der Konstruktion insgesamt keine allzu lange Lebensdauer mehr beschieden sein: Durch die für die heutige Zeit untypische Bauweise – die Brücke besteht nicht aus einem Bogenstück, sondern aus zweien, die sich in der Mitte treffen – sind regelmäßige Reparaturen vorprogrammiert. Die Brücke nun zu ersetzen, mit deren Bau im Jahr 1948 begonnen wurde, war dem Vernehmen nach (noch) keine allzu ernste Option. Aus Zeitgründen, wie ein Sprecher der Bauleitung des Regierungspräsidiums vor Beginn der Sanierungsarbeiten gegenüber unserer Zeitung betonte. Man habe sich entschieden, die Brücke ein weiteres Mal in ihrem Bestand zu sanieren. Überlegungen hinsichtlich eines Neubaus seien auf unbestimmte Zeit verschoben worden.

Während nun dieser den Kocher überspannende Teil der B 19 nach dem Krieg aus Zeit- und finanziellen Gründen als ein reiner Zweckbau geplant war, hatten die Architekten und Ingenieure des in den letzten Kriegstagen zerstörten Vorgängerbaus ihrer jeweiligen Zunft ein nach allen Regeln der damaligen Baukunst projektiertes Denkmal gesetzt: Die „Bauzeitung für Württemberg, Baden, Hessen, Elsass-Lothringen“ widmete in ihrer Ausgabe vom 7. Januar 1911 der von März bis Dezember 1908 errichteten Straßenbrücke die mehrere Seiten umfassende Titelgeschichte.

Beispiel für neues Bauen

Darin wird das von Oberbaurat Karl Reihling und Architekt Prof. Heinrich Halmhuber im Auftrag der „Königlichen Ministerialabteilung für den Straßen- und Wasserbau“ geplante Werk als gutes Beispiel eines neuen und fortschrittlichen Bauens gerühmt: „Die massige Konstruktion ist verschwunden, in leichten, gefälligen Bogen spannen sich die heutigen Brückenbauten über das Flussbett und haben dabei doch eine Solidität, die man den schmucken, zierlichen Werken nicht ansieht.“

Eine der „augenfälligsten Erscheinungen auf diesem Gebiet“ sei eben die Ottendorfer Brücke. Bis ins Detail lässt die Redaktion der Bauzeitung  Meister Reihling das Projekt erklären, das insgesamt 135 245 Reichsmark gekostet hat. Sogar die unterschiedlichen Zementmischungen und Armierungen – und sogar Maßnahmen zum Hochwasserschutz, wie er heute kaum besser geplant werden könnte, werden vorgestellt.

Kurz vor Kriegsende zerstört

Interessant im Vergleich zur Gegenwart: Eine Vollsperrung während der Bauarbeiten war damals, vor 110 Jahren, nicht nötig. Die alte Dachbrücke 27 Meter unterhalb des Neubaus blieb bis zum Ende der Bauarbeiten stehen und konnte genutzt werden.

Von allen drei „unteren“ Ottendorfer Kocherbrücken (siehe Info-Box) hatte diese mit 37 Jahren die kürzeste Lebensdauer: In der irrigen Annahme, die einmarschierenden US-Truppen ließen sich dadurch aufhalten, sprengte ein Kommando der Wehrmacht im Frühjahr 1945 die Betonbogenbrücke, ein „schönes und ansprechendes Bauwerk“, wie der nach dem Krieg eingesetzte Interims-Bürgermeister und Heimatforscher Werner Schimmelfennig von der Oye (†) im 1991 veröffentlichten Buch „900 Jahre Ottendorf am Kocher“ schreibt.

Mit Blick auf den Nachkriegsbau äußerte er damals die von einer gewissen Sorge begleitete Hoffnung, „dass die häufig an der Brücke zu beobachtenden Reparaturen kein Anzeichen dafür sind, dass die Sicherheit für den Verkehr auf Dauer nicht gewährleistet ist“. Sie ist es nach der aktuellen Sanierung.

Info Wichtige Hinweise zur 1945 zerstörten Kocherbrücke verdankt die Redaktion Architekt Fritz Wieland.

In der Ottendorfer Brücken-Chronik geblättert

1774 In der sogenannten Bürgermeisterrechnung ist erstmals von drei Kocherbrücken auf dem Gebiet des heutigen Gaildorfer Stadtteils Ottendorf die Rede. Es handelte sich jeweils um hölzerne Stege bei der „Communsägmühle“ am Adelbach, in Niederndorf (heute Bundesstraße 19) und in Ottendorf selber (heute Raiffeisenstraße).

1790 Durch ein starkes Hochwasser werden alle drei Brücken – die Ottendorfer inzwischen in Stein gebaut – fast vollständig zerstört, in den Monaten danach wieder aufgebaut.

1793 Die „untere“ Brücke in Niederndorf wird durch ein steinernes Bauwerk mit „Dachhaus“ ersetzt.

1799 Baumängel führen dazu, dass zunächst ein Pfeiler, kurze Zeit danach die gesamte Brücke einstürzt. Sie wird wieder aufgebaut und im Lauf der folgenden Jahre immer wieder baulich verändert.

1908 Nach 115 Jahren muss die Brücke wegen ihres schlechten Zustands gesperrt werden. Etwa 30 Meter kocheraufwärts wird mit dem Bau einer neuen Brücke (samt Flutbrücke) begonnen. Nach Inbetriebnahme dieser Kocherquerung wird 1909 die alte Dachbrücke abgerissen.

1945 Im Frühjahr sprengen deutsche Truppen die Brücke, um den Vormarsch der Amerikaner aufzuhalten.

1948 Eine neue Brücke wird in ähnlicher Bauweise wie ihre Vorgängerin gebaut. Seit 1950 muss diese Konstruktion bis in die Gegenwart mehrmals saniert werden. kmo
Quelle: Werner Schimmelfennig von der Oye in „900 Jahre Ottendorf am Kocher“ (1991) und „Bauzeitung für Württemberg ...“ (Ausgabe 7. Januar 1911)

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